Die Bremer Schriftstellerin Ursel Bäumer war für sechs Wochen als Schreibstipendiatin in Tartu. Sie taucht ein in Kiefernwälder und Seenlandschaften, kommt eng in Kontakt mit der estnischen Literatur und Kultur. Und wandelt dabei stets zwischen Realität und Fiktion.
Wie ein Rauschen, das über die endlose Küste, über Seen, Inseln und dichte Kiefernwälder hinwegzieht mit Klängen Arvo Pärts, einer weichen vokalreichen Sprache und furchtlosen Menschen, die singend ihre Freiheit erkämpften, so in etwa stellte ich mir vor meiner Abreise aus Bremen das unbekannte Land vor, in dem ich sechs Wochen als Schreibstipendiatin verbringen würde.
War ich also einem diffusen Rauschen bis nach Estland gefolgt?
Oder lag der Weg in die UNESCO Literaturstadt Tartu seit jeher vor mir, ähnlich wie ich es im Roman Schattenspiel der estnischen Schriftstellerin Viivi Luik gelesen hatte.
War es vorherbestimmt, dass Vaike, die Leiterin des Deutschen Kulturinstituts in Tartu, mir die quietschende Tür zu einer Jugendstilvilla aufschließen würde, in der es im ersten Stock ein kleines Schreibappartement gibt, von dessen Existenz ich doch vor ein paar Monaten noch gar nichts wusste?
So wie ich nicht wusste, dass ich auf meinem Weg ins Arvo-Pärt-Zentrum mitten im Kiefernwald Nora Pärt, die Ehefrau des Komponisten, treffen würde, die mich durch die Hintertür ins Museum und später auf einen Aussichtsturm führte, von dem aus ich auf Kiefernwipfel und die endlose Weite der Ostsee schaute, Arvo Pärts Kompositionen im Ohr, die sich mit dem Rauschen des Windes und der Wellen verwebten, wie in einem Traum.
Auch wenn mein Verstand mir sagt, dass mich Zufälle hierhergeführt haben, so gibt es doch eine andere Seite, die von Magie und Hexenwerk spricht, was daran liegen mag, dass ich auf meinen Wanderungen durch Moore und Kiefernwäldern inzwischen viel über estnische Mythen gelernt habe und mich dieses Land mit seinem Glauben an magische Landschaften mehr und mehr in seinen Bann zieht.
Vorsehung hin oder her, seitdem ich das Stipendium bekommen habe, treffe ich auf Menschen, die mich warmherzig empfangen: Markus und Maren vom Goetheinstitut in Tallinn, Andine und Maris von der dortigen Universität, an der ich vor DAAD Studierenden aus meinem Roman Louise las.
Linda, die seit Jahren das große Literaturfestival Prima Vista in Tartu kuratiert und Anne, der ich verdanke, dass Auszüge aus Louise nun auch in Estland eine neue sprachliche Heimat gefunden haben. Und beide stimmten mich gleich zu Anfang mit einer persönlichen Führung durch Tartu auf den besonderen Spirit dieser jahrhundertealten Universitäts- und Literaturstadt ein, den Hella, Germanistikdozentin an der Uni Tartu, nach meiner Lesung vor ihren Studierenden kurz in dem Satz einfing: Literatur und Kunst sind doch einfach herrlich!
Während des Literaturfestivals Prima Vista und dem gleichzeitig stattfindenden Jahrestreffen der UNESCO Cities of Literature erfuhr ich dann, wie sehr Kultur in all ihren Facetten hier gelebt wird, ob in alten Bibliotheks- und Museumsräumen, Bootshäusern, Cafés oder einfach bei einer Bootstour über den Fluss.
Auch meine Lesung zusammen mit der Heidelberger Lyrikerin Claudia Kiefer, wunderbar moderiert von Hella Liira, machte hautnah erfahrbar, wie sehr Literatur über alle Sprach- und Ländergrenzen hinweg Herzen und Türen öffnen kann.
Für mich bekam so das Motto des diesjährigen Festivals: FAKE OR TRUE, tatsächlich etwas von jenem anfänglichen Rauschen.
Befand ich mich in einer Art Zwischenwelt, auf diesem schmalen Grat, auf dem ich mich als Schriftstellerin ja ohnehin bewege, zwischen Wahrheit und literarischer Erfindung, zwischen dem Echten und der Transformation, zwischen Realität und Fiktion?
Denn war es real, dass ein Literaturbotschafter aus Slowenien von der Reiseschriftstellerin Alma Karlin aus seinem Heimatort Celje sprach, die in Deutschland kaum bekannt sei, und ich ihm meine Erzählung über genau diese Autorin zum Lesen gab? Dass die angesehene Lyrikerin Maarja aus Tartu kurzerhand einen estnischen Verlag wegen einer Übersetzung meines Romans kontaktierte oder ich, dank der Vermittlung von Eve und Linda, estnische Schriftstellerinnen, deren Bücher mich tief beeindruckt hatten, mal eben auf einen Kaffee traf. Alles an diesem Ort geriet in Schwingung. Und auch in Tallinn, wo ich zwei Tage am Literaturfestival Head Read teilnehmen durfte, spürte ich in Gesprächen mit eingeladenen Autor*innen diese über alle Grenzen hinweg verbindende Kraft von Literatur.
So ist es nicht verwunderlich, dass ich an einem sonnigen Tag, an dem Vaike mir zum ersten Mal den riesigen Peipussee in der Nähe zeigte, für einen kurzen Moment das Gefühl hatte, schon einmal hier gestanden zu haben, und auch Vaike neben mir, die von ihrer Kindheit im Grenzgebiet zu Russland erzählte, kam mir plötzlich so vertraut vor. Als machte es keinen Unterschied, ob wir beide uns hier oder an einem ganz anderen Meer unsere Geschichten erzählten, weil wir eigentlich alle nicht so weit voneinander entfernt sind, wie wir manchmal annehmen.
Und vielleicht ist es ja das, was mich hierhergebracht hat, dass im diffusen Rauschen, wenn man genauer zuhört, hinschaut oder mitschwingt, lebendige Erzählungen erkennbar werden, die berühren: Von Mahnmalen, auf denen die Namen des deportierten Großonkels, der in Sibirien ermordeten Großmutter oder des vermissten Cousins stehen. Von blühenden Apfelbäumen, rot wie Blut und weiß wie Schnee, auf verloren gegangenen Heimstätten. Von Orten, an denen Hunderttausende immer wieder Lieder ihrer Befreiung anstimmen.
Von Plätzen, die plötzlich Namen bekommen, wie der Raekoja Plats mit seinen bunten klassizistischen Häuserfassaden auf dem Studierende plaudernd am Brunnen sitzen, vom Fluss Emajogi, an dem ich täglich mit dem Fahrrad entlangfahre bis zum Stadtteil Suppelin, wo alle Straßen nach Gemüsesorten benannt sind. Vom Domberg mit den Ruinen einer gotischen Kathedrale, den ich wegen der Steigung rechts oder links umfahren muss und der quietschenden Eingangstür der Jugendstilvilla in der Kastani1, wo ich am Laptop sitze und all diese Geschichten festhalte mit dem Gefühl, an diesem Ort mit seinen liebenswerten Menschen, heimisch zu sein und mir gar nicht vorstellen mag, bald abzureisen.
Mein herzlicher Dank gilt dem Team des Goetheinstituts in Tallinn, der UNESCO Cities of Literature Bremen und Heidelberg, der Leitung des Literaturfestivals Prima Vista und des Deutschen Kulturinstituts in Tartu, all denen, die diese Schreibresidenz überhaupt erst möglich gemacht haben, und allen, die dazu beitrugen, dass mein Aufenthalt ein so inspirierendes und unvergessliches Erlebnis für mich wurde.
Ursel Bäumer
wurde in Münster geboren und studierte Germanistik und Kulturwissenschaft in Münster und Bremen. Nach dem 1. und 2. Staatsexamen war sie zunächst als Gymnasiallehrerin in Bremen tätig und entschied sich dann für ein Leben als freie Schriftstellerin. Sie gründete 2005 den gemeinnützigen Verein workshop literatur e.V., der literarische Veranstaltungen für Bremer Oberstufenschüler*innen organisierte und den sie bis 2014 als Vorsitzende leitete. Ursel Bäumer schreibt Romane, Erzählungen und Kurzprosa. 2011 erschien ihr erster Roman Zeit der Habichte im Dörlemann Verlag. 2023 erschien ihr Roman LOUISE bei Nagel und Kimche. Ursel Bäumer wurde für ihre schriftstellerische Arbeit mehrfach ausgezeichnet.
Podcast Schreibgespräche mit Ursel Bäumer