Der Wolf und die Meisterklasse

Einmal im Jahr wird es schaurig in Aurich, denn dann trifft sich dort ein knappes Dutzend Krimiautorinnen und -autoren zum konspirativen Austausch. Alles streng geheim, versteht sich, denn eines ist Ehrensache: Von den Verbrechen, über die man sich austauscht, darf nichts an die Öffentlichkeit gelangen. Nicht, bevor sie zwischen zwei Buchdeckel oder auf die Leinwand gebannt wurden. - Von Alexa Stein

Gruppenfoto Krimimeisterklasse Aurich
© privat | V. l. hinten: Christiane Franke, Thomas Breuer, Christian Jaschinski, Andreas Edelhoff, Christoph Badertscher; mitte: Christiane Nitsche-Costa, Alexa Stein, Maren Graf, Mirjam Phillips; sitzend: Klaus-Peter Wolf, Manfred C. Schmidt

Seit nunmehr fünfzehn Jahren treffen wir uns. Die meisten stammen aus Norddeutschland, Mirjam Phillips und ich kommen aus Bremen. Die weiteste Anreise hat der Schweizer Christoph Badertscher. Inzwischen fühlt es sich wie ein Familientreffen an, lediglich Corona schaffte es, das Treffen vor Ort zu verhindern.

Die Themen sind vielfältig und reichen von „wie befreie ich mich aus Kabelbindern“ über „was ist die größte Angst meines Protagonisten“ bis hin zu Verlagsthemen. Zahlreiche Bücher, die hier auf dem Prüfstand standen, wurden inzwischen erfolgreich veröffentlicht. Es ist immer wieder erstaunlich, wieviel Kreativität zu Tage tritt, wenn man zusammen Plots oder Figuren durchleuchtet. Zu unmotivierte Protagonisten, logische Fehler bei der Polizeiarbeit oder ein zu spät einsetzender Spannungsbogen. Dem Meisterauge von Klaus-Peter Wolf, unter dessen Leitung das Treffen stattfindet, entgeht nichts. Inzwischen sind wir ein eingespieltes Team und die Verbesserungs-vorschläge sprudeln nur so heraus. Sitzt man allein am Schreibtisch, ist man oft betriebsblind, spricht man in der Gruppe darüber, wird die begrenzte Perspektive aufgehoben.


„Es ist immer wieder erstaunlich, wieviel Kreativität zu Tage tritt, wenn man zusammen Plots oder Figuren durchleuchtet.“


Eine der spannendsten Kreativitätstechniken, die ich hier kennen lernen durfte, möchte ich kurz vorstellen: „Die Figurenaufstellung“. Die Figurenaufstellung stammt ursprünglich aus der Familientherapie. Hierzu erhalten einzelne beliebige Personen eine imaginäre Rolle und werden dann gebeten, sich im Raum und zu den bereits aufgestellten Figuren so zu positionieren, dass sie sich wohl fühlen. Wichtig ist, jeder dieser Platzhalter hat eine fest definierte Rolle, die nichts mit der eigenen Person zu tun hat. Dabei ist es ganz unterschiedlich, wie viele Personen benötigt werden. Das kommt darauf an, was man herauszufinden will. In der Regel geht es darum, die Beziehungen zwischen den einzelnen Figuren darzustellen.

Krimimeisterklasse Aurich Figurenkonstellation
© privat
Krimimeisterklasse Aurich
© privat

Wir hatten zum Beispiel einmal den Fall, dass sich eine Autorin unschlüssig über die Rolle einer bestimmten Figur in ihrem Drehbuch war. Welche Beziehung hat diese zu der Protagonistin, welche zu den jeweils anderen Figuren? So schickten wir erst ihre Protagonistin auf die Bühne, dann eine weitere Figur, die sich ganz automatisch neben die Protagonistin stellte, die diese Nähe ebenfalls als angenehm empfand. Ganz anders war es, als die fragliche Figur auf die Bühne sollte. Schon am Rand blieb sie stehen und wusste nicht recht, wohin mit sich. Uns allen war sofort klar, diese Figur hat in der Geschichte nichts zu suchen. Tatsächlich wurde sie daraufhin ersatzlos gestrichen, was der Geschichte keinen Abbruch tat, im Gegenteil.

Bücher schreiben muss kein einsamer Vorgang sein. Tut euch zusammen und seid ehrlich zueinander, denn nur so kann aus einem guten Stoff ein echtes Juwel geschliffen werden. Und wer jetzt neugierig geworden ist, der findet hier eine Auswahl unserer Bücher, viel Spaß beim Lesen:

 

Collage Buchcover Meisterklasse Aurich

Alexa Stein

wurde 1966 in Nürnberg geboren. Nach dem Abitur siedelte sie der Liebe wegen nach Bremen um und schloss dort ein Studium der Betriebswirtschaft an der Fachhochschule ab. Seit 2000 lebt sie mit Mann und drei Katzen in einem kleinen Dorf in der Nähe von Bremen. Sie schreibt seit 1997 Kurzgeschichten, später kamen Romane hinzu. 2003 trat sie den Mörderischen Schwestern (damals noch Sisters in Crime) bei und entdeckte dort ihre Leidenschaft für Krimis. 2008 debütierte sie mit dem Kriminalroman Kronus‘ Kinder. Ebenfalls in diesem Jahr gründete sie das Autorenforum Bremen und trat der ehrenwerten Gesellschaft des Syndikats bei. Von 2011 bis 2015 war Alexa Stein Organisatorin des Bremer Krimifestivals PrimeTime – Crime Time.

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Alexa Stein
© Jörg Klampäckel

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