Divertimento Kirschendiebe: ein Interview

Über Kirschendiebe – oder als der Krieg vorbei war

Lotte wohnt in einem Forsthaus, obwohl ihr Papa gar kein Förster ist. Grund dafür ist der Krieg, der ihrem Cousin Knut den Vater genommen hat und Lehrer Fettig ein Auge. Seit die grässliche Frau Greßmann im Forsthaus das Sagen hat, ist vieles verboten – Kirschenpflücken zum Beispiel. Doch Lotte lässt sich nicht unterkriegen. Wer Kirschen haben will, muss sie eben klauen. Und dass nur Jungs Lederhosen tragen dürfen, sieht sie schon gar nicht ein!

Im Rahmen des Familienkonzertes der Bremer Philharmoniker in der Stadtbibliothek begeisterte Anke Bär das Publikum mit einer Lesung aus ihrem Buch. Begleitet wurde sie dabei von einem Streichquartett des Orchesters. Im März 2021 ist dieses einfühlsame Zusammenspiel von Literatur und Musik unter dem Titel Divertimento Kirschendiebe auf CD erschienen.

Cover von Anke Bärs Buch "Kirschendiebe oder als der Krieg vorbei war"

Autorin Anke Bär und Rose Eickelberg, die bei den Bremer Philharmonikern Pauke und Schlagzeug spielt, haben gemeinsam das musikalisch-literarische Projekt Divertimento Kirschendiebe umgesetzt. Im Interview mit Annika Depping erzählen sie, wie die Zusammenarbeit ablief und wie sie Text und Musik zusammengebracht haben.

Divertimento Kirschendiebe ist eine musikalische Lesung aus Kirschendiebe – Als der Krieg vorbei war. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Rose Eickelberg (RE): Auf sehr kurzem Wege – Anke und ich sind Nachbarinnen und halten uns über unsere Projekte auf dem Laufenden. Ich kannte und liebte ihr Buch und so wurde die Idee bei einem gemeinsamen Getränk im Vorgarten geboren...

Anke Bär (AB): Rose Eickelberg von den Bremer Philharmonikern organisiert schon seit vielen Jahren Benefizveranstaltungen für den Verein Bremer Geschwisterkinder unter der Überschrift Musik trifft Literatur. In dieser Urform wurden verschiedene von Schauspieler*innen vorgetragene Text zwischen die musikalischen Darbietungen eingestreut.

Die musikalische Kirschendiebe-Lesung war die erste Zusammenarbeit mit einer Autorin und durch den Geschichtenbezug bot sich natürlich ein verzahnter dramaturgischer Ansatz an. Wir hatten Lust, uns zusammen dieser Herausforderung zu stellen.

Aus dieser ersten Kooperation entwickelte sich schließlich eine ganze Reihe von musikalischen Familienlesungen mit verschiedenen Autor*innen.

Aufführung von Anke Bärs "Kirschendiebe" mit den Bremer Philharmonikern
© Martin Gerken

Los ging also alles mit der musikalischen Lesung. Welche Reaktionen kamen darauf?

AB: Das neue Lesungsformat wurde begeistert aufgenommen, gerade auch von der Generation der Zeitzeug*innen der Nachkriegszeit. Mehrfach kam die Rückmeldung, dass Text und Musik in sehr fruchtbarer Weise wechselseitige Resonanzräume erzeugen würden.

Den Zuhörer*innen bleibt viel Raum, während der musikalischen Passagen dem Nachhall des Textes zu lauschen und umgekehrt durch die intensiven und sehr feinen musikalischen Stimmungen weitere Bedeutungsebenen der Geschichte wahrzunehmen.

Wir haben die musikalische Lesung bereits mehrfach zur Aufführung gebracht, zuletzt auch in der Seniorenresidenz an der Marcusallee. Die generationsübergreifenden Veranstaltungsformate, in denen Schulklassen und Senior*innen zusammenkommen und sich auch unmittelbar über die Nachkriegszeit austauschen, lassen sich in Zeiten von Corona leider kaum realisieren.

RE: Die Überraschung auf allen Seiten war groß, wie sehr Text und Musik zu einer Einheit verschmelzen und etwas ganz Neues entsteht, was berührt, bewegt, einem zum Lachen bringt, aber auch Raum schafft für das, was Krieg bedeutet – Trauer, Wut, Schmerz, schöne Inseln im Schrecklichen, aber auch das Thema Flucht und Vertreibung, was heute wieder aktueller denn je ist.

Und das Tolle an Ankes Buch ist, dass es Erzählungen für fast alle Altersstufen sind, die Anlass zum Erzählen, zur Rückschau und zum Nachdenken geben – auch das Generationenübergreifende hat, glaube ich, viele überrascht.

Frau Eickelberg, wie findet man denn die passende Musik zu einem literarischen Text?

RE: Ich habe zwei Grundstöcke, die für mich die Ausganglage bilden: einmal der Text und dann das Repertoire und der Klang des Musik-Ensembles. Hierbei schau ich schon, dass Charakter und Möglichkeiten von beiden Seiten passen. Ein Streichquartett bietet andere Möglichkeiten als ein Sextett aus Hörnern, ein Fagott-Quartett oder ein Duo aus Bass und Viola.

Bei der Auswahl der konkreten Musikwerke ist wichtig, dass Musik und Text aufeinander reagieren, dass es eine Resonanz gibt. Die Musik liefert eine Art emotionalen Kommentar zu dem vorherigen Text, sie prägt ihn. Sie kann das gerade Gehörte verstärken, aber auch abschwächen, oder uns auch damit versöhnen, Trost spenden. Oder mit einem Augenzwinkern an unseren Humor appelieren. Das muss einem klar sein, und damit arbeite ich, das ist das Faszinierende daran. Das ist das ureigenste Prinzip bei der Kombination von Text und Musik, was man ja in allen Bereichen wiederfindet, ob in der Oper, in der Popmusik oder im Kabarett.

Und ganz konkret: Wie sind Sie bei Anke Bärs Kirschendiebe vorgegangen?

Zunächst habe ich gemeinsam mit Anke eine Auswahl der Kapitel getroffen, als Grundlage, und von da aus die Musik zusammengestellt.

Kirschendiebe versetzt einen ja in die Nachkriegszeit, also lag es nahe, auch  Musik aus dieser Zeit zu verwenden. Ich kannte bereits einige der Stücke wie die Zarah-Leander-Schlager von anderen Konzerten mit dem Streichquartett, daher die Auswahl dieses Ensembles.

Der Typewriter von Leroy Andersson wiederum ist ein Evergreen, dessen Part man als Schlagzeuger*in immer mal wieder im Laufe des Musikerlebens spielt und wenn von Schreibmaschinen die Rede ist, wie ganz zu Beginn des Buches, versteht sich das Stück fast von selbst! Zudem besitze ich selbst noch eine kleine schicke Reise-Schreibmaschine, die ich auf der CD verwende. Es ist auch einfach klasse komponiert und viele haben Jerry Lewis dabei vor Augen, man hat also sofort eine tolle Stimmung!

Dann galt es, die Stimmung und Themen der einzelnen Kapitel aufzugreifen. Dabei habe ich die Kolleg*innen um Unterstützung gebeten: zum Beispiel habe ich unsere Konzertmeisterin Anette Behr-König nach einem passenden Stück für das Kapitel gefragt, wo Knut seinen Geigenkoffer versteckt und den Unterricht schwänzt. Dass Anette dann bereit war, dieses total passende  Volkslied Eine kleine Geige möcht´ ich haben auch noch selbst zu singen, virtous begleitet vom 2. Geiger Romeo Ruga, war ein Glücksfall! Und es erzeugte genau das freche Zwinkern, was ich mir für diese Szene gewünscht hatte. Die Kinderszenen von Robert Schumann wiederum thematisieren eine Vielfalt an Kindheitserlebnissen, gepaart mit der Nachdenklichkeit, die sich aus der Rückschau eines Erwachsenen ergibt.

Und beim Wald - wie oft haben wir bei den Bremer Philharmonikern den Jägerchor aus der Oper der Freischütz gespielt? Für die Wald- und Fortshaus-Atmosphäre zu Beginn sind wir selbst noch einmal geräuschvoll spazieren gegangen und ich habe meine Stiefkinder gebeten, einmal laut mit den Töpfen zu klappern und zu singen.

Auf diese Weise habe ich nach und nach die Musik zu der Kapitel-Auswahl zusammengestellt.

CD-Aufnahmen von Anke Bärs "Kirschendiebe"
© Dirk Alexander

Anke, Kirschendiebe ist 2018 erschienen, die CD dieses Jahr im März. Welches Gefühl war es, dich lange nach Abschluss des Projektes noch einmal damit zu beschäftigen?

AB: Ich habe seit Erscheinen der Kirschendiebe mehr als 100 Lesungen mit Zeitzeug*innen auf Festivals und in Schulen gemacht und auch immer wieder generationsübergreifende Workshops durchgeführt. Der Abstand zu Kirschendiebe war also gar nicht so groß, als wir zu Anfang der Corona-Zeit die Idee zu der gemeinsamen CD entwickelten. Darüber hinaus begleite ich meine Bücher ohnehin intensiv in die Welt hinaus. Im Zusammenhang mit „den Kirschendieben“ verfolge ich nach wir vor und in unterschiedlichen Formen mein Anliegen, die Generationen miteinander ins Gespräch zu bringen.

Hast du das Buch durch die Musik dann noch einmal anders kennengelernt?

Der Zusammenklang der Musik des Streicherquartetts Phil Variazione und meiner Worte hat mir ganz neue und erweiterte Wahrnehmungsweisen meines eigenen Textes beschert.

Am Ende des ersten Kapitels, in dem ich die Ambivalenz von Lottes Kindheitswelt in der Nachkriegszeit ausbreite, schließt sich beispielsweise die Ouvertüre aus dem Freischütz an, die so viele Stimmungen spürbar werden lässt, heiter und beschwingt und dann doch bedroht und dazu so viele Zwischentöne, dass mir selbst beim Zuhören ein Schauer über den Rücken läuft. Ich beende das erste Kapitel mit den Worten: „Oft finden sie (die Kinder) im Wald allerlei Dinge aus der Zeit, als noch Krieg war“. Dieser Satz klingt noch weit in die Musik hinein. An anderer Stelle lassen Schlager aus den 40er Jahren musikalisch die Zeit auferstehen.

Wir haben dramaturgisch und inhaltlich viele Vorüberlegungen zur Musik angestellt. Rose Eickelberg hat schließlich eine, wie ich finde, großartige, stimmige und sehr vielfältige Musikauswahl getroffen, in besonderen Arrangements auf das Streicherquartett plus Schlagzeug zugeschnitten.

Wie wichtig ist Musik denn für deine Hauptfigur Lotte?

In der Geschichte ist Lottes älterer Bruder Paul derjenige, der sich heimlich Schellackplatten auf dem Grammophon der Familie anhört und davon träumt, ein großer Dirigent zu werden. Er bekommt immerhin Akkordeonunterricht bei seinem verhassten Lehrer, aber eigentlich würde er viel lieber Geige spielen, so wie sein Cousin Knut, der wiederum den Geigenunterricht schwänzt und lieber angeln geht oder Rabenvögel großzieht.

Und spielt Musik für dich beim Schreiben sonst eine Rolle?

Manchmal brauche ich beim Schreiben eine absolut neutrale Stille um mich herum, von Zeit zu Zeit aber trifft ein Musikstück genau die Stimmung der Textpassage, an der ich gerade schreibe. Dann höre ich es womöglich in Dauerschleife.

Mein erstes Buch über eine Atlantiküberquerung auf einem alten Großsegler habe ich im Atelier geschrieben, während meine Kolleginnen neben mir arbeiteten. Um mir in unserem Großraum einen eigenen kleinen Raum zu schaffen, habe ich mir zum Schreiben die Kopfhörer aufgesetzt und mich über den immer selben Piratensong einer amerikanischen Songwriterin weit hinaus aufs Meer katapultiert.

Anke Bär

ist Illustratorin, Autorin und Kulturwissenschaftlerin und gibt im Rahmen von Lehraufträgen, Workshops und Schulkooperationen Kurse für Erwachsene und Kinder. Sie empfindet es als großes Geschenk, dass sie in ihrem beruflichen Tun verschiedene künstlerische Ausdrucksformen und auch wissenschaftliche Arbeit und Lehrtätigkeit miteinander verbinden und immer wieder neue Herausforderungen aufgreifen kann. Zuletzt erschien ihr Kinderbuch Kirschendiebe oder als der Krieg vorbei war.

Zum Autorinnenprofil von Anke Bär

Porträt von Anke Bär
© Cosima Hanebeck

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