Ein "Mauer/Werk" von Jeff Hemmer

Prozess Comic wird auf Hauswand gemalt
© Jeff Hemmer

Auf Einladung des Kollektivs formlos durfte ich vergangenen Herbst meinen Comic Void auf einer Außenmauer gegenüber vom Horner Eck im Bremer Viertel zeigen.

Void erzählt die Geschichte einer fiktiven Begegnung zwischen dem anarchistischen Philosophen Gustav Landauer (1870-1919) und einem – vielleicht magischen, vielleicht ganz banalen – weißen Fuchs, der kopfüber im Schnee nach Beute taucht. Ein Spektakel entspinnt sich. Der große, bärtige Pazifist stapft hinaus auf die winterliche Bühne, reißt sich die Kleidung vom Leib und stößt sein zitterndes, nacktes Ich hinab in ein Loch.

Drei Tage zeichnete, schnibbelte und kleisterte ich meine Geschichte auf gut dreißig Quadratmeter Fläche. Anschließend blieb das „Mauer/Werk“ einen Monat lang zu sehen, bevor es Anfang November wie geplant wieder überstrichen wurde. Zurück bleiben heute nur ein paar Fotos und eine (vergriffene) Auflage von zweihundert Leporellos, die neben der Mauer in einem Schaukasten auslagen.

Das englische Wort „void“ hat viele Bedeutungen. Es kann für die Leere, eine Lücke, das Nichts stehen. Es kann einen Akt oder dessen Ergebnis bezeichnen: Etwas wird nichtig, ungültig, unwirksam gemacht. Andererseits ist Leere auch immer „void of“ – also: frei von. So lässt sie sich als Möglichkeitsraum begreifen.

Nach solchen Lücken und Räumen forschte der Anarchist Landauer in den Verhältnissen seiner Zeit. Ihn bewegte die Frage, wie die Utopie, unabhängig von Reformen oder Revolutionen, bereits in der Gegenwart erprobt werden könnte. Als Schlüssel galt ihm hierbei, neben der Gemeinschaft mit Gleichgesinnten und dem Wirken der Künste und der Wissenschaften, die Arbeit des einzelnen Menschen an sich selbst.

Der Comic zeichnet Landauers Suche in dessen eigenen Worten nach. Bei seiner Rückkehr an die Oberfläche wird er jedoch von Freikorps-Soldaten überrascht und ermordet. Ihnen bedeuten seine Gedanken nichts. Hier kehrt die Geschichte zurück zur nüchternen historischen Realität. Anders als manche seiner Freunde, wie etwa Martin Buber oder Erich Mühsam, geriet Landauer danach für lange Zeit in Vergessenheit.

Ursprünglich war der Comic für das Zineprojekt einer Freundin gedacht. Veröffentlicht habe ich ihn stattdessen bislang als Onlinelesung beim Bremer Zine Festival, als Wandbild und als Leporello. Mit jedem neuen Format verändere ich auch die Form und die Anordnung der Panels und der Bildelemente im Raum. Ich begreife diese Arbeit inzwischen, analog zu Landauers Philosophie, als eine Art Prozess.


Jeff Hemmer

geboren 1982 in Luxemburg, lebt seit 2009 in Bremen und arbeitet als freiberuflicher Comiczeichner, Illustrator und Workshopanbieter. Aufgewachsen in einem Winzerdorf am luxemburgischen Moselufer, zog es ihn zunächst zum Geschichtsstudium nach Schottland. Später führte sein Weg ihn nach Bremen an die Hochschule für Künste. Im gleichen Jahr erschien mit Spring Forward, Fall Back sein erster Comic als monatliche Serie in der luxemburgischen Wochenzeitung Woxx. Beruflich war Jeff Hemmer jedoch lange im pädagogischen Bereich verwurzelt und hat sich erst 2020 dafür entschieden, sich auf Comics zu konzentieren.

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Porträt von Jeff Hemmer
© Sarah Weber

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