Lesetipp aus der Redaktion: „Dodos auf der Flucht“

Das Cover von Dodos auf der Flucht

An einem Schreibtisch, der vormals einem Tierversuche durchführenden Biologen gehörte, verfasst Mikael Vogel Gedichte über ausgestorbene Tierarten. Er legt im Band Dodos auf der Flucht die komplexe ökologische Verzahnung zwischen Mensch und Tier und den Verlust des Artenreichtums frei. Dodos auf der Flucht ist eine „Zoologie der Abwesenheit“ (S. 201), ein poetisches, komplexes Lexikon und Abgesang auf die Vielfalt unseres Planeten. Sechs Jahre Recherche gingen den Texten voraus. Das spiegelt sich in den unterfütternden Zahlen, Daten und Fakten wider. Erschreckende Fakten, wie nämlich, dass inzwischen durchschnittlich sieben Arten pro Stunde von unserem Planeten verschwinden – unseretwegen. Denn was Mikael Vogel eindrücklich zeigt, ist natürlich, wie die Entwicklung der Menschen aus kleinen, auf Bäumen lebenden Säugetieren bis heute die Fauna geprägt und torpediert hat.

„Wie ist es der Allerletzte zu sein be- / Rauscht von vergorenen Früchten.. wolltest du Sex, suchtest / Aber fandst niemanden mehr, blau auf Mauritius und alle anderen weg?“ (An den letzten Dodo, S. 69)

Die Gedichte widmen sich exemplarisch vielen ausgestorbenen Arten, stellen ihre biologischen Besonderheiten, Habitate, Verhaltensweisen vor. Aber sie widmen sich genauso den letzten Exemplaren ihrer Art, zum Beispiel dem Carolinasittich Incas, der am 21. Februar 1918 verstarb, übrigens im gleichen Käfig wie vier Jahre davor die letzte Wandertaube Martha. 

Die Themen und Gedichte sind so vielfältig wie das Tierreich. Hier findet sich eine Aufzählung der „Wandertaubenmassenvernichtungsmittel“ – Knüppel, Kartoffeln, Schweineherden, Mitgabeln… – ebenso wie ein dadaistischer Dodo-Text nach Kurt Schwitters oder die Trauerverse eines Katers über das Verschwinden des Kaspischen Tigers. Man muss kein*e Biolog*in sein, um Dodos auf der Flucht großartig zu finden, ein Mensch zu sein reicht aus.

DODOS AUF DER FLUCHT. REQUIEM FÜR EIN VERLORENES BESTIARIUM | Mikael Vogel | Illustration: Brian R. Williams |GEDICHTE Verlagshaus Berlin | Berlin 2012

Annika Depping

ist seit einem Praktikum im Sommer 2014 im Team des Literaturhauses Bremen. Inzwischen leitet sie die Textredaktion des Literaturmagazins, organisiert das Kinderlesefestival Galaxie der Bücher und andere Projekte. Für das Literaturhaus ist sie außerdem Teil der Jury zur Vergabe des Bremer Autor*innenstipendiums. Sie hat in Bremen Germanistik mit Schwerpunkt Literaturwissenschaften studiert und liest am liebsten in ihrem Schrebergarten, wenn ihre Kinder ihr dazu die Zeit lassen. Über ihre Leseeindrücke schreibt sie auch im Online-Magazin Bücherstadt Magazin.

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Annika Depping
© Kerstin Rolfes

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