Satzwende: Anke Bär (2/2)

Tiere
© Anke Bär

Tiere II

Ein Zitat der französischen Anthropologin Natassja Martin, auf das ich während der Recherchen zu meinem aktuellen Buchprojekt über Menschen und Tiere gestoßen bin, hallt besonders in meinen Gedanken nach.

In ihrem Buch An das Wilde glauben formuliert sie:

„Wie ist es dazu gekommen, dass die anderen Wesen nur noch dazu da sind, unsere eigenen Gemütslagen widerzuspiegeln? Was ist dann mit ihrem Leben, mit den Bahnen, die sie durch die Welt ziehen, mit ihren Entscheidungen?“

Wie bringe ich das zusammen mit meiner Tätigkeit als Autorin, Illustratorin, Zeichnerin, die es liebt, sich Tieren in ihrer schier unendlichen Vielfalt, ihrem unvorstellbaren Reichtum an Daseinsformen gedanklich und zeichnerisch anzunähern? Darf ich phantasieren? Überzeichnen? Vermenschlichen? Was ist mit Krafttieren, Fabeln und lustvollen Tiererzählungen? Muss ich konsequenterweise in Zukunft Pu, der Bär, Kassiopeia, Die Bremer Stadtmusikanten und all die anderen kleinen und großen Protagonisten aus Kinder- und Bilderbüchern aufgrund der menschlichen Projektionen und letztlich der Instrumentalisierung von Tieren ausschließen? Und was hieße das in der Konsequenz? Sollte ich nur noch Sachbücher machen? Oder nur noch Tuschemalereien von Tieren, in voller Hingabe an meine Wahrnehmung im Moment, im Streben nach Wahrhaftigkeit? Jede menschliche Zeichnung, jede menschliche Formulierung subjektiviert. Und so lande ich bei der noch viel größeren Frage: Darf ich mich überhaupt äußern über Mitmenschen und andere Lebewesen? Darf ich spielerisch in die Welt schauen, wie auch Kinder es tun? Meine eigenen Ordnungen erschaffen? Eigene Gedankenmodelle oder Gedankenskulpturen erproben?

Ich glaube, ich darf. Schließlich bin ich selbst halb Mensch halb Tier, zumindest dem Namen nach. Gleichzeitig glaube ich, ich darf nicht. Der Widerspruch bleibt.


Porträt von Anke Bär
© Cosima Hanebeck

Anke Bär

ist Illustratorin, Autorin und Kulturwissenschaftlerin und gibt im Rahmen von Lehraufträgen, Workshops und Schulkooperationen Kurse für Erwachsene und Kinder. Sie empfindet es als großes Geschenk, dass sie in ihrem beruflichen Tun verschiedene künstlerische Ausdrucksformen und auch wissenschaftliche Arbeit und Lehrtätigkeit miteinander verbinden und immer wieder neue Herausforderungen aufgreifen kann. Zuletzt erschien ihr Kinderbuch Kirschendiebe oder als der Krieg vorbei war sowie Divertimento: Kirschendiebe, eine Lesung aus dem Buch in Zusammenarbeit mit den Bremer Philharmonikern auf CD.

Zum Autorinnenprofil von Anke Bär

Weiterlesen:

"Points of View" im Hafenmuseum

Kunst trifft Wissenschaft im Hafenmuseum! Das Literaturmagazin empfiehlt die aktuelle Ausstellung "Points of View" zur deutschen Kolonialgeschichte im Westpazifik. Noch bis Mitte August gibt es die Gelegenheit, dieses spannende Thema aus verschiedensten Perspektiven heraus zu entdecken.