Satzwende: Clemens Meyer (1/2)

Münzen auf dem Kommunistischen Manifest
© Rike Oehlerking

Täuschungen I

Von Clemens Meyer

Kürzlich fiel ich einer Täuschung zum Opfer.

Um mich auf eine literarische Großaufgabe vorzubereiten (allerdings nicht diese hier), kaufte ich zahllose (zahlreiche!) Artefakte aus der jugoslawischen Geschichte. Münzen und Postkarten und Zeitungen aus dem alten Königreich Jugoslawien, darunter eine sehr schöne Fünfzig-Dinar Münze aus dem Jahr 1938 mit dem geprägten Bildnis des jungen pausbäckigen Königs Petar II, der mit elf Jahren König wurde, weil sein Vater, König Alexandar I von Jugoslawien in Marseille im Jahr 1934 von der profaschistischen kroatischen Ustascha Bewegung ermordet wurde, Farce der Geschichte, denn das königliche Geschlecht der Karađorđević, dem Alexandar und Petar angehörten, kam ja nur durch einen blutigen Putsch im Jahr 1903 an die Macht, bei dem das königliche serbische Geschlecht der Obrenović vom damaligen serbischen Thron gestürzt wurde, aber als wäre das nicht genug der Farce (und wir folgen hier der berühmten These Karl Mays ÄÄHHH KARL MARX’ natürlich, aus seiner Schrift Der Achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte: „Hegel bemerkte irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“, aber ich glaube, dass auch jeder Farce die Tragödie innewohnt, und jeder Tragödie die Farce, es gibt Ausnahmen ich sage nur: „Holger Apfel“)..., jedenfalls konnte der jüngere Karađorđević-Sohn Alexandar nur König werden, weil sein älterer Bruder Georg für geisteskrank erklärt wurde und damit seine Thronfolgerrechte verlor. OH IHR BLAUBLÜTER, MIT EUREN TOLLEN GESCHICHTEN. Petar II von Jugoslawien, um noch einmal darauf zurückzukommen, war zu Beginn seiner unfreiwilligen Quasi-Regentschaft im Jahr 1934 ja noch minderjährig, weshalb sein Onkel Paul beziehungsweise Pavle den Thron als Prinzregent übernahm, der dann aber, in den dunklen Tagen und Stunden des April 1941 ebenfalls weggeputscht wurde, aber nicht mit der Folge seines Todes, und sein Neffe Petar wurde für volljährig erklärt und dann endlich König. Da standen aber schon die Nazis vor der Tür. Farce und Tragödie, Tragödie und Farce.

(wird fortgesetzt)


Portrait von Autor Clemens Meyer
© Gaby Waldeck

Clemens Meyer

wurde 1977 in Halle / Saale geboren und lebt in Leipzig. 2006 erschien sein Debütroman Als wir träumten. Für sein Werk erhielt Clemens Meyer zahlreiche Preise, darunter den Preis der Leipziger Buchmesse. Im Stein stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis, wurde mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet und für den Man Booker International Prize 2017 nominiert. Als wir träumten wurde für das Kino verfilmt sowie In den Gängen nach einer Erzählung von Clemens Meyer, beide Filme liefen im Wettbewerb der Berlinale. Der Autor ist 2022 mit dem Band Stäube Gast der Bremer Lesereihe SATZWENDE.

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