Satzwende: Clemens Meyer (2/2)

Warnschild Totenkopf
© Mikael Seegen on Unsplash

Täuschungen II

Von Clemens Meyer

Kürzlich fiel ich einer Täuschung zum Opfer.

Ich wollte ein Minenwarnschild erwerben, ein Minenwarnschild aus den jugoslawischen Zerfallskriegen der 90er Jahre. Ich brauchte es für ein literarisches Großprojekt. Um mich fühlend (berührend, auch mitfühlend) auf dieses vorzubereiten. Und wurde bei Ebay fündig. Bezahlte nicht unerheblich für das Minenwarnschild. Aber, und das bemerkte ich viel später, als es schon längst per Post zugestellt worden war, es war kein Minenwarnschild wie beim Ebayverkäufer angegeben. Ein Totenkopf mit zwei gekreuzten Knochen war auf dem gelb lackierten Metall zu sehen, ähnlich den Totenköpfen, denen ich auf den Minenwarnschildern während meiner Wanderungen durchs kroatische Velebit-Gebirge begegnet bin, als mich mein Freund und Kollege Edo Popovic sicher durch diese fremden Pfade führte. (Ein Wolf tritt auf eine Mine im Jahr 1957, wird halb zerrissen von der Detonation, die Mine selbst stammt aber aus den 90er Jahren.) Neben dem Totenkopf ein roter Blitz, das bekannte PAZI! ACHTUNG unter Kopf und Blitz.

Nun gut, dachte ich, Minen explodieren mit einem Blitz. Aber dann las ich die Schrift, die nicht nur aus dem bekannten PAZI! bestand noch einmal genau. Visoki Napon stand da. Das bedeutet HIGH VOLTAGE, Hochspannung.

Man hatte mir also, für viel Geld, ein Schild von einem Stromhäuschen oder einem Hochspannungsmast verkauft, statt eines Minenwarnschildes. PAZI!

Zu Beginn der 90er schien sich der Rauch des Umbruchs hier im neuen Deutschland, von dem wir hofften, dass es das gute Deutschland sein würde, von dem Brecht in seiner Kinderhymne schrieb, schon verzogen zu haben. „Anmut sparet nicht noch Mühe, / Leidenschaft nicht noch Verstand, / dass ein gutes Deutschland blühe, / wie ein andres gutes Land.“

Wie fügten wir uns ein in die Tragödien und Farce des Ostblockzerfalls? Oder war bei uns, im Osten, wieder einmal alles anders?

Jugoslawien war mit all seinen multiethnischen Völkern und Republiken, die ja alle beinahe die selbe Sprache sprachen, das tragischste Beispiel der Totenstunde des Sozialismus. Bei uns brannten nur einige Ausländerwohnheime, verbrannten jugendliche Crashkids in ihren Autos, starben Schwarze bei Hetzjagden, hier in Dresden knallten zwei langhaarige kettchenbehängte, schnauzbart-bewehrte westdeutsche Luden, die in jedem Tarantino-Film hätten mitspielen können, den bekannten Neonazi Rainer Sonntag mit einer Schrotflinte ab...


Portrait von Autor Clemens Meyer
© Gaby Waldeck

Clemens Meyer

wurde 1977 in Halle / Saale geboren und lebt in Leipzig. 2006 erschien sein Debütroman Als wir träumten. Für sein Werk erhielt Clemens Meyer zahlreiche Preise, darunter den Preis der Leipziger Buchmesse. Im Stein stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis, wurde mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet und für den Man Booker International Prize 2017 nominiert. Als wir träumten wurde für das Kino verfilmt sowie In den Gängen nach einer Erzählung von Clemens Meyer, beide Filme liefen im Wettbewerb der Berlinale. Der Autor ist 2022 mit dem Band Stäube Gast der Bremer Lesereihe SATZWENDE.

Zum Autorenprofil von Clemens Meyer

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