Satzwende: Helga Bürster (2/2)

Graffitto Plattdeutsch
© Rike Oehlerking

Öfter mal pultern

„Sag denen bloß nicht, dass du niederdeutsches Hörspiel schreibst!“, warnte mich ein Redakteur, als ich mein erstes Stück an den Sender verkaufte. Mir „denen“ meinte er die Macher im Literaturbetrieb. Ich war damals auf der Suche nach einem Verlag und habe ihm nicht geglaubt. Schließlich ging es in dem Hörspiel nicht um Klamauk, sondern um ein ernstes und aktuelles Thema, nämlich Demenz. Die Dialoge flossen auf Platt einfach besser. Die Hauptrolle sprach Uwe Friedrichsen, der dafür einen Sprecherpreis gewann und ich habe es dann doch gesagt. Manche Kolleg*innen fanden es interessant, andere putzig.

So richtig ernst genommen wird man als Plattdeutsche Schreiberin nicht. Der Sprache wird noch immer kein literarischer Wert zugetraut. Ich halte dagegen. Inzwischen sind es, wenn ich richtig gezählt habe, dreizehn niederdeutsche Hörspiele, zwei Stücke haben den Zonser Hörspielpreis gewonnen.   


“Ich bin süchtig nach Platt, denn es weitet meinen Sprachraum ungemein.“


Ich bin süchtig nach Platt, denn es weitet meinen Sprachraum ungemein. Die schlimmsten, traurigsten und beglückendsten Dinge kann ich ganz leicht, fast nebenbei ausdrücken und sie gehen doch unter die Haut. Platt ist zutiefst menschenfreundlich. Schreibe ich hochdeutsch, gehe ich in den OP und seziere meine Figuren bis auf die Knochen. Sich in beiden Räumen bewegen zu können, ist ein Geschenk.

In meinen Romanen dosiere ich das Plattdeutsche vorsichtiger, um die Lesenden nicht zu überfordern. Das Publikum ist die OP-Lampe gewohnt. Rezensenten bemängeln, dass die plattdeutschen Einschübe den Lesefluss stören, weil die Passagen schwer oder gar nicht zu verstehen seien, aber muss ich jede Verästelung einer Geschichte verstehen? Ist es nötig, jeden Winkel mit Licht zu fluten? Warum ist es so schwer, ein fremdes Wort, einen Satz oder Dialog einfach stehen zu lassen? Warum nicht mal über einen Satz stolpern, innehalten und ihn auf der Zunge zergehen lassen, meinetwegen auch singen und den Klang genießen?

Auf Plattdeutsch heißt stolpern übrigens pultern.

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Portrait Helga Bürster
© Uwe Stalf

Helga Bürster

wurde 1961 geboren und ist in einem Dorf bei Bremen aufgewachsen, wo sie auch heute wieder lebt. Sie studierte Theaterwissenschaften, Literaturgeschichte und Geschichte in Erlangen, war als Rundfunk- und Fernsehredakteurin tätig, seit 1996 ist sie freiberufliche Autorin. Zu ihren Veröffentlichungen zählen Sachbücher und Regionalkrimis, zudem wurden von Radio Bremen/ NDR sowie vom SWR Hörspiele von ihr ausgestrahlt. 2019 erschien ihr literarisches Debüt Luzies Erbe, im September erscheint Als wir an Wunder glaubten.

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