Über den Rechtsruck schreiben

Wie schreibt man für Kinder über den Rechtsruck? Und wie findet man überhaupt einen Verlag, der ein Buch darüber veröffentlicht? Ganz schön knifflig, aber der Bremer Kinderbuchautor Jörg Isermeyer sitzt gerade für den Peter Hammer Verlag an einem Kinderbuchprojekt gegen rechts. Mehr darüber hat er Sinja Konduschek im Interview verraten.

Porträt von Jörg Isermeyer
© privat

Lieber Jörg, worum geht es denn bei deinem aktuellen Buchprojekt?

Mein Projekt ist ein Roman für Kinder und Jugendliche im Alter von circa 10 bis 14 Jahren zum Thema Rechtsruck, die Erfolge der AfD und so weiter. Dieser Themenkomplex ist der Hintergrund. Und natürlich soll es vor allem ein Roman sein und kein Sachbuch, das heißt, das Thema spielt eher im Hintergrund eine Rolle.

Wie kam das Projekt zustande? Woher kam die Idee, dass du jetzt in diesem Moment ein Buch gegen rechts schreiben möchtest?

Im Prinzip ist es eine Auftragsarbeit, aber eine sehr willkommene. Ich habe in den letzten Jahren immer wieder versucht, Romane für Kinder in diesem Alter zu politischen Themen unterzubringen. Das war schwierig. Die Verlage sind sehr zögerlich gewesen, sprich alles, was ich an Ideen reingebracht habe, hat nicht geklappt.

Auf jeden Fall war ich in dieser Hinsicht schon sehr frustriert – und dann habe ich letzten Sommer den Verlagschef von Peter Hammer kennengelernt. Wir hatten eine eher zufällige Begegnung auf einem Festival, aber wir haben uns festgequatscht und ich habe von meinem Hintergrund erzählt. Ich habe ja u.a. viel politische Straßenmusik gemacht. Im Herbst rief er mich dann an und meinte, dass er davon ausgeht, dass bei den diesjährigen Wahlen in den neuen Bundesländern mindestens in einem die AfD stärkste Kraft wird. Und er würde gerne einen Roman für Kinder veröffentlichen, der das thematisiert. Ob ich nicht Lust hätte, den zu schreiben? Es hat zwei Wochen lang in mir gegärt und gebrodelt und dann hatte ich eine Idee – jetzt schreibe ich das Buch.

Was ist deine eigene Motivation dafür?

Ich bewege mich mein ganzes künstlerisches Leben in diesem Dreieck von Kunst, Politik und pädagogischen Projekten und von daher rennt es bei mir offene Türen ein. Ich habe eine lange biografische Linie in Kampagnen gegen rechts und aktuell beobachte ich sehr besorgt nicht nur das Erstarken der AfD, sondern auch die Diskursverschiebung bei der CDU bis hin zu den Ampelparteien. Dass dort Narrative, die vor noch gar nicht allzu langer Zeit Leute nur hinter vorgehaltener Hand geäußert haben, jetzt politischer Konsens und Standard sind. Zum Beispiel, dass „die Migranten“ an allem Schuld seien. Ich hoffe, dass ich das so in mein Buch mit einarbeiten kann, dass es nicht plakativ ist, sondern sich aus der Geschichte heraus erklärt.

 

Siehst du ein Problem darin, dass du als privilegierter weißer Mann über das Thema schreibst?

Dass ich privilegiert bin und das Glück hatte, mit der Geburt einen deutschen Pass zugelost zu bekommen, das weiß ich. Das ist eher ein Grund mehr sich zu engagieren, als zu sagen, dass man nicht betroffen ist. Ich sehe das als Verpflichtung, nicht als Hemmschuh. Zur Ergänzung: Wenn in meinen Romanen Figuren mit einem anderen Hintergrund oder einer anderen Hautfarbe vorkommen, weiß ich, dass ich da sorgfältig recherchieren muss, um nicht in Klischees oder Stereotype reinzufallen, die ich nicht haben will und die mir selbst vielleicht gar nicht bewusst sind. Dementsprechend gebe ich Manuskripte, wenn so etwas darin vorkommt, vorher Leuten zu lesen, die persönlich betroffen sind, bevor das Buch in den Druck geht.

Findest du es beim Schreiben schwierig, Kindern das Thema nahezubringen?

Wenn ich Kinderbücher schreibe, dann muss ich mich immer auf die Zielgruppe einstellen. Es macht einen Unterschied, ob ich für 5- oder 10- oder 15-Jährige schreibe. Das bedarf immer einer zusätzlichen Sensibilität. 

Ich muss prüfen, was gerade angesagt ist in den verschiedenen Entwicklungsphasen und nicht nur, was sie verstehen können. Ich muss also immer wieder einen Schritt zurückgehen von dem, was ich gerne mitteilen würde, hin zu dem, was die Kinder interessiert. Jetzt nicht im Sinne davon, dass ich ihnen nach dem Mund reden beziehungsweise schreiben muss, sondern, dass ich es ein Stück weit austarieren muss, weil ich die Zielgruppe ja auch nicht unterfordern möchte. Ich schreibe ja auch aus einem gewissen Antrieb. In der Pädagogik gibt es diesen Satz: „Man muss die Leute da abholen, wo sie sind.“ Ich sage dazu: „Ja, aber man sollte sie nicht wieder dort absetzen.“ Das erwarte ich auch von jedem guten Buch, das ich lese. Dass ich mich daran reibe und weiterentwickle. Das sehe ich bei Kindern genauso und habe bei meinen Büchern die Erfahrung gemacht, dass es bei den Kindern gut ankommt, wenn man sie in der Hinsicht ernst nimmt.


„Man muss die Leute da abholen, wo sie sind. Aber man sollte sie nicht wieder dort absetzen.“


Würdest du sagen, du bist jetzt anders vorgegangen als sonst?

Generell ging es schon bei meinem ersten Roman Alles andere als normal um ein politisches Thema, um Kinderarmut. Auch da habe ich im Vorfeld viel recherchiert. Daraus ergibt sich ein gewisses Vorhaben, was ich gerne erzählen würde und was ich zu sagen habe. Aber dann entstehen Figuren und entwickeln ein Eigenleben ... und dann folgt man den Figuren. Das mache ich jetzt nicht anders. Ich habe also zwar Themen und Konfliktlinien, die mir wichtig sind und die ich gerne unterbringen möchte, aber die Figuren entwickeln mit jeder Seite, die ich schreibe, ein immer stärkeres Eigenleben. Am Ende haben immer die Figuren recht!

Möchtest du noch etwas hinzufügen?

Ich finde es super, dass der Peter Hammer Verlag das Projekt wagt und es in dieser sehr kurzen Zeit in Angriff nimmt. Von der Projektidee bis zur Veröffentlichung ist nicht mal ein Jahr Zeit. Das ist auch für einen Verlag ein ziemliches Wagnis und sehr ungewöhnlich.

Aber das zeigt vielleicht auch noch einmal wie wichtig es gerade ist, das Buch zu schreiben.
 

Jörg Isermeyer

reiste als Straßenmusiker quer durch Europa. Nach seinem Studium der Soziologie, Psychologie und Pädagogik in Göttingen zog er die freie Künstlerlaufbahn einer Universitäts-Karriere vor und lebt heute als Schauspieler, Regisseur, Theaterpädagoge, Musiker und Schriftsteller in Bremen. Sein Stück Ohne Moos nix los erhielt den Berliner Kindertheaterpreis und wurde für den Mühlheimer KinderStückePreis nominiert. Seine Romane Alles andere als normal (Beltz 2014), Die Brüllbande (Beltz 2017) und Ene, mene, Eierkuchen (Atlantis 2019) wurden u.a. mit dem Leipziger Lesekompass ausgezeichnet.

Zum Autorenprofil von Jörg Isermeyer

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