Satzwende: Behzad Karim Khani (1/2)

Ein Gedeckter Tisch mit bunten Tellern und Essen
© Victoria Shes / unsplash

I

Von Behzad Karim Khani

Es gibt diese Idee, dass alles, was wir tun, dass also jedes menschliche Handeln nur zwei Motivationen entspringt. Liebe oder Angst.
Ich weiß nicht, ob sie richtig ist. Aber ich mag sie. Ich wende sie oft an. Sehr oft. Auf mich und auf andere. Als ich angefragt wurde, ob ich eine Leitkolumne schreiben möchte zum Thema „Miteinander“, habe ich sie nicht angewandt. Zumindest nicht gleich. Zuerst habe ich mich gewundert.
Warum ich? Ich, der ich ein Miteinander so viel schlechter kenne als ein Über- und Untereinander, als ein Gegeneinander. Ich, der ich mir nach 35 Jahren in Deutschland gerade mal ein Nebeneinander erarbeitet, erkämpft, abbezahlt, behauptet, stellenweise sogar erlogen habe.

Aber vielleicht fängt diese Geschichte woanders an. Vielleicht beginnt sie in dem Haus meiner Großeltern, wo es dieses Zimmer gab, dessen Tür fast immer verschlossen war. Es war ein repräsentatives, großes Zimmer im ersten Obergeschoß. Zum Hof verglast. Das vielleicht Schönste des Hauses. Hier stand eine Sofagarnitur unter Tagesdecken, um keinen Staub zu fangen. Der beste Teppich des Hauses lag in dem Zimmer eingerollt. Aus demselben Grund.
Nur hin und wieder wurde die Tür aufgeschlossen, der Teppich ausgerollt, dann verschwanden die Tagesdecken. Der Tisch wurde gedeckt. Üppig. Das Zimmer mit Rosenwasser gesprenkelt. Denn jetzt hatten wir Gäste. Der Empfang eines Gastes war ernste Sache. Unser Ansehen hing an der Wärme unseres Herzens, an unserer Gastfreundschaft. An den einladenden Gesten, an der Länge des Besuches. Wir baten viel an, der Gast aber nahm wenig. Auch sein Ansehen hing davon ab, das richtige Maß zu treffen. Nicht zu viel zu nehmen, und nicht zu wenig. Nicht zu früh zu gehen und nicht zu lange zu bleiben. 
Ich weiß nicht, wie viel mich dieses abgeschlossene Zimmer gelehrt hat. Aber seine Lehre ging über Gastfreundschaft, über Pflicht und Recht hinaus. Dieses Zimmer lehrte von Stil, von Eleganz, und von dem Zusammenspiel zwischen Würde und Maß.

Sechsundachtzig änderte sich etwas für uns. Wir kamen nach Deutschland und wurden zu Gästen, die das Maß nicht allein bestimmen konnten. Die nicht gehen konnten, wenn der Gastgeber gähnte, die Fenster öffnete oder anfing um uns aufzuräumen. Und damit war auch unsere Würde berührt worden. Wir waren angewiesen auf ein Wohlwollen, ein Verständnis, ein Entgegenkommen.
Das war weit weg von dem, was wir vorfanden. Wir erlebten den Gastgeber als missmutig, widerwillig, respektlos, zynisch, neurotisch, bisweilen gewalttätig. Im besten Falle gleichgültig. Wir stellten uns ein auf Neben-, ein Unter- und Übereinander. Deutschland, das vielleicht einzige Land, in dem „Du bist Gast hier!“ eine Drohung ist, hatte keine Liebe zu geben und auch wir waren nicht für die Liebe hergekommen. Wir waren aus Angst weggegangen.
Und jetzt waren wir der Grund für eine neue Angst. Alle Begriffe, die benutzt wurden, um uns als gesellschaftliches Phänomen zu beschreiben, alle waren der Welt der Kriminologie, des Verdachtes und der Naturkatastrophen entnommen.
Asylbetrug, Ausländerproblematik, Flüchtlingswelle, Überschwemmung, Flut, Wirtschaftsflüchtlinge, Sozialschmarozer.

Satzwende: Behzad Karim Khani (2/2)

Im zweiten Teil seiner Satzwende Kolumne schreibt Behzad Karim Khani von seiner Ankunft in Deutschland und seinem heutigen Verhältnis zu dem Land. Sein Zuhause ist es nie geworden und auch Iran ist nicht seine Heimat, so wie sie es für seine Eltern ist. Was bleibt also, wenn sich nirgendwo ein Miteinander einstellt?


Foto von Behzad Karim Khani
©Valerie Benner

Behzad Karim Khani

wurde 1977 in Teheran geboren, seine Familie ging 1986 nach Deutschland. Er studierte Medienwissenschaften und lebt heute in Berlin-Kreuzberg, wo er schreibt und die Lugosi-Bar betreibt. Für sein Debüt Hund, Wolf, Schakal (2022) erhielt er den Debütpreis des Harbour Front Literaturfestivals. Damit ist er ebenfalls bei der globale° 2022 zu Gast.

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Lesezeichen: Ros*innen

"You see a woman, but I am so much more" - Mari Püffel und Mathilda Süßmilch schreiben in ihrem Lesezeichen über nicht binäre Körper, Schönheit und Genderklischees. Die beiden sind Teil des queerfeministischen Poesiekollektivs Ros*innen.