Im Jahr 2015 erhielt Lwiw den lang ersehnten Status UNESCO City of Literature. Mariana Zagoruiko, Leiterin des Büros Lviv – UNESCO City of Literature erzählte Yuliia Lynnyk in einem Interview, wie der Weg dahin aussah, welche Ziele und Erfolge es gibt, in welchem Zustand die Literaturszene in Lwiw ist und welche Rolle das Lesen unter Kriegsbedingungen spielt.
Wie hat sich die Literaturszene in Lwiw seit der Verleihung des Status UNESCO City of Literature verändert?
Zunächst möchte ich darauf hinweisen, dass der Bewerbungsprozess bereits früher, nämlich schon im Jahr 2013, begonnen hat. Meiner Meinung nach ist es sehr wichtig, dass die Initiative vom zivilgesellschaftlichen Sektor ausging: Bibliotheken, Übersetzer*innen und Verlage haben sich aktiv an den Vorbereitungen beteiligt. Anfang 2016 wurde das städtische Programm zur Förderung der städtischen Bibliotheken und Festivals vorgestellt, und die Verleihung des Titels war ein guter Anreiz für die Umsetzung dieses Programms. Die Literaturszene in Lwiw war schon immer sehr aktiv und lebendig. Seit dem Beitritt zum UNESCO Creative Cities Network wurde der Lviv UNESCO City of Literature Award ins Leben gerufen – der größte Literaturpreis, der von der Stadtverwaltung in der Ukraine verliehen wird. Die Hilfe unserer Partnerstädte seit 2022 hat es uns ermöglicht, unsere Unterstützung für junge Autor*innen weiter auszubauen.
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Gelingt es Ihnen trotz des Krieges, die Ziele zu erreichen, die Sie sich als UNESCO City of Literature gesetzt haben?
Unsere Ziele haben sich nicht geändert, denn als Lwiw diesen Titel erhielt, hatten wir schon den Krieg im Land. Wir haben daran gearbeitet und setzen uns auch weiterhin dafür ein, das Buch als Medium zu fördern. Das städtische Programm Lviv – City of Literature ist auch zu einer wesentlichen Unterstützung für den literarischen Sektor geworden, insbesondere für die Arbeit der städtischen Bibliotheken. Seit der Verleihung des Titels engagieren wir uns auch aktiv auf internationaler Ebene.
In unserer Situation ist es schwierig, Ziele für die nächsten Jahre zu planen; wir erstellen Pläne höchstens für das kommende Jahr. Im fünften Kriegsjahr fühlt man sich einfach müde und der Ressourcenmangel macht sich bemerkbar – nicht nur in finanzieller, sondern vor allem in personeller Hinsicht. Dem Kultursektor fehlen Fachkräfte, da viele von ihnen im Krieg, gefallen oder ins Ausland gegangen sind.
Liest die junge Generation gern? Wie wecken Sie das Interesse junger Menschen am Lesen?
Durch Lesen kann man Stress sehr gut bewältigen. Die Zahl der Ukrainer*innen, die aktiv lesen, ist heutzutage deutlich höher als vor der russischen Vollinvasion. Für viele ist ein Buch eine Möglichkeit, sich selbst besser kennenzulernen, die Zeit während eines Stromausfalls sinnvoll zu verbringen oder sich abzulenken. Auch junge Menschen lesen mehr, meistens Popliteratur oder Bücher, über die sie auf Booktube erfahren. Bücher müssen aber, wie überall in der Welt, mit anderen Medien konkurrieren. Bibliotheken setzen sich dafür ein, die Freude am Lesen bei Jung und Alt zu wecken. Für ein Kind ist ein vertrauter Erwachsener, der selbst gerne liest, ein besonders wichtiges Vorbild. Bücher und Lesen sollten im öffentlichen Raum stärker präsent sein und als gesellschaftlich wertvoll wahrgenommen werden.
Wie verlaufen literarische Veranstaltungen in Lwiw?
Literaturveranstaltungen und Lesungen junger Autor*innen finden meist in Bibliotheken statt. Außerdem werden jedes Jahr Literaturfestivals organisiert. Generell liegt der Schwerpunkt bei Literaturveranstaltungen eher auf der Diskussion als auf der Lesung: Für die Besucher*innen ist es immer spannend, mit der Autorin oder dem Autor ins Gespräch zu kommen und anschließend das Gespräch mit der Moderation mitzuerleben.
Worüber schreiben ukrainische Schriftsteller*innen aktuell? Bleibt das Thema Krieg im Hinblick auf die Kriegszeit zentral in ihrem Schreiben?
Die Poesie erlebt in der Ukraine im Moment eine Blütezeit, denn sie bietet den Menschen einen Weg, ihre Gefühle auszudrücken und ihre Erfahrungen zu verarbeiten. Durch das Schreiben kann man die Realität besser begreifen und die Gegenwart bewusster erleben. Ein Beweis dafür, dass sich viele Ukrainer*innen literarisch betätigen, ist die große Anzahl an Bewerbungen, die wir für den Wettbewerb Young City Readings erhalten haben, der zur Förderung von Nachwuchsautor*innen organisiert wurde.
Der Krieg scheint überall durch. Das Thema Krieg lässt sich nicht vermeiden. Selbst wenn ein Text von anderen Problemen handelt, ist der Krieg zwischen den Zeilen dennoch zu spüren. In der ukrainischen Literaturszene entstand bereits 2014 eine neue, umfangreiche Strömung der Veteranenliteratur, die sowohl belletristische Werke als auch Tagebücher zum Thema Krieg umfasst. Das ist kaum überraschend, denn Literatur spiegelt die Realität wider, und unsere Realität ist unmittelbar mit dem Krieg verbunden. Zudem wurde eine große Zahl von Künstler*innen einberufen, und sie schreiben weiterhin an der Front. Werke von Autor*innen wie Artur Dron, Artem Tschech, Artem Tschapaj, Stanislaw Assjejew, Maksym Krywzow, Valeriy Puzik, Yaryna Chornohuz und Anatolij Dnistrovyj wurden ins Deutsche übersetzt und entweder als Eigenbände oder im Sammelband veröffentlicht.
Sind gemeinsame Literaturprojekte zwischen Lwiw und Bremen geplant?
Eines davon ist das von Deutschland initiierte Festival Eine Brücke aus Papier (Paper Bridges). Das Festival war dieses Jahr ein großer Erfolg in Lwiw. Zurzeit haben wir keine konkreten Pläne für neue Projekte mit Deutschland bzw. Bremen, aber das Wort „zurzeit“ ist hier das Schlüsselwort. Autor*innen aus Lwiw haben an Literaturveranstaltungen in Bremen teilgenommen – die Brücke ist also bereits geschlagen. Wir sind potenziell bereit für eine neue deutsch-ukrainische Zusammenarbeit.