Kollit: Prima Klima? (3/4)

Schwalben fliegen durch den Abendhimmel
© Rike Oehlerking

Das Kollit

ist Bremens Junges Kollektiv für Literatur. Hier vernetzen sich junge Autor*innen aus Bremen und umzu, um neue Räume für den literarischen Nachwuchs zu schaffen. Schreibtreffs, Auftritte, gemeinsames Netzwerken und die Herausgabe der Zeitschrift Koller sind Teil des Projekts.

Im August schreiben vier Mitglieder des Kollit für das Literaturmagazin Bremen über das Thema Klima.

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Der Schwalbenstein

Von Laura Müller-Hennig

Etwas am Wetter hatte sich verändert und die Schwalben flogen an allen Tagen tiefer als sonst, aber wir bemerkten es nicht, bevor die Katze uns die ersten Schwalben vor die Füße legte. Das kannten wir nicht. Die meisten waren schon tot. Die Halbtoten erlöste mein Vater oder meine Mutter mit einem Stein. Es war immer derselbe Pflasterstein, der im Geräteschuppen neben der Tür seinen Platz hatte. Ich kam nicht umhin, ihn im Kopf als Schwalbenstein zu bezeichnen. Ich weiß, dass es meinen Eltern jedes Mal wehtat. Es gehörte zu diesen Pflichten, die man übernimmt, weil man eben der nächst verfügbare Erwachsene im Haus ist.

Einmal war eine von ihnen nahezu unversehrt. Sie atmete sehr schnell. Ihr Gefieder glänzte Dunkelblau mit einem Schimmer von Grün. Meine Mutter legte sie behutsam auf dem Gartentisch ab und brachte die Katze ins Haus. Am Abend kamen die Schwalben in Gruppen und zogen über dem Feld hinter dem Garten hin und her. Sie riefen häufiger und lauter als sonst. Vielleicht versuchten sie, ihre Schwalbenschwester zu ermutigen, sich wieder aufzurappeln. Als ich später nachsah, war die Schwalbe verschwunden. Ich hoffte, sie war losgeflogen und nicht wieder einem Raubtier zum Opfer gefallen.

In den nächsten Sommern flogen die Schwalben weiterhin tief, aber die Gruppen wurden kleiner, ich hörte sie immer seltener rufen. Die Katze brachte keine Schwalbengeschenke mehr, sondern widmete sich Mäusen und Spatzen. Der Schwalbenstein liegt immer noch an seinem Platz, wurde nie bewegt, nie wieder angerührt. Wenn ich heute nach Hause komme und am Schuppen vorbeigehe, denke ich daran, an den Stein, die Katze, aber vor allem an die Schwalben, ihre Rufe, die stets meine Sommer begleitet hatten. Inzwischen hört man sie in dieser Gegend nur noch selten.

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Laura Müller-Hennig

geboren 1985, hat im Bereich Theater und Film gearbeitet, Medienproduktion und Psychologie studiert und widmet sich seit mehreren Jahren verschiedenen Kunstprojekten – u.a. im Blaumeier-Atelier und in der Film-Kooperative compagnons. Einige ihrer Texte hat sie in Kunstkatalogen, Anthologien und Zeitschriften veröffentlicht sowie in der MiniLit-Reihe des Bremer Literaturkontors. Dort leitet sie seit 2018 eine regelmäßig stattfindende Schreibwerkstatt für junge Autor*innen.

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Porträt von Laura Mueller-Henning
© Marc Stavros

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