Uni-Seminar WiSe 2022/23

Ausschnitt eines Arbeitstisches aus einer Schreibwerkstatt
© Donka Dimova

WiSe 2022/23 – „Familiengeschichten“ – mit Leyla Bektaş

In diesem Seminar sind Texte mit Familienbezug entstanden – ob es sich dabei um die eigene Familie handelte oder um eine erdachte, war nebensächlich. Auch wen oder was wir überhaupt als Familie bezeichnen, stand zur Disposition. Mithilfe von Erinnerungstechniken wie Selbstbefragungen und Fotos aus dem Familienarchiv sind die folgenden Texte entstanden, die sich irgendwo zwischen Fiktion und Autofiktion bewegen.  

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Meine Mutter stand meistens am Bügelbrett im Flur. Sie stand dort am Abend, dabei trank sie Tee und schaute durch die geöffnete Wohnzimmertür auf den Fernseher. Der Dampf zischte und das Wasser im Eisen gluckerte leise, es war weiß-türkis wie die Schwimmanzüge, die ich im Hallenbad auf den langen Bahnen beobachtete. Sie nahm Blusen, drehte sie auf links, spannte sie über das rechte Ende des Bügelbretts, sprühte einen feinen Wassernebel über Kragen, Saum und Ärmelaufschlag, bügelte jeweils von der Mitte nach außen an die Ränder, arbeitete sich von den Schulterpartien zu den großflächigen Vorder- und Rückseiten vor. Es roch nach Persil auf heißer, gestärkter Wäsche. Dann wendete sie die Blusen auf rechts und wiederholte den Vorgang, besserte kleine Fältchen aus, schob die Spitze des Bügeleisens in die Zwischenräume der Knopfleisten, erst von der einen, dann von der anderen Seite.

Es war mir, als holte sie dadurch Luft, als fände sie einen Sinn wieder, der ihr über den Tag abhandengekommen war, und trotz ihrer Müdigkeit führte sie das Bügeleisen beständig und genau über den Stoff. Ich saß häufig im Rahmen der Wohnzimmertür, meine Poknochen taten weh vom harten Holz. Wir sprachen nicht, wir blickten auf den Fernseher und ich bohrte den kleinen Finger in die Dielenlöcher, pfriemelte mit dem Fingernagel Dreck aus den Zwischenräumen und nagte ihn mit meinen Zähnen unter meinem Nagel hervor.

Immer, wenn Rosa sie dabei sah, beim Bügeln, fragte sie mich später, was macht deine Mutter anderes als Bügeln und ich merkte dann, dass sie im Verhältnis wahrscheinlich zu oft bügelte, zu regelmäßig. Wenn Rosa mit in unsere Wohnung kam, war es, als würden sich Welten vermischen, die ich vorher mit größter Sorgfalt hatte trennen können. 

 

Ich sehe zusammen mit Mama Pippi Langstrumpf im Fernsehen an: Liebe kleine Krumelus, niemals will ich werden grus. Mama und Pippi bläuen mir ein, dass man auf keinen Fall „groß“ sagen darf, denn dann klappt der Zauber der Erbsenpille nicht. Mama hat einmal gesagt, dass sie glaubt, man wird erst erwachsen, wenn die eigenen Eltern sterben. Mir leuchtete das lange ein: der doppelte Boden ist immer da, die festen Abläufe der Feiertage, die Rezepte, alles kann erfragt werden, und alles Familienwissen und aller Familienhalt ist sicher verwahrt eine Etage über einem. Wenn sie dann aber sterben, geht der ganze Posten über, und mit ihm kommt das Erwachsensein. Ich esse fleißig Krumelusse, auch für Mama, zur Vorsicht, niemals will ich werden grus.

Ich höre das Geräusch des elektrischen Garagentors, das sich öffnet, wenn meine Eltern einen Funkknopf im Auto drücken. Ich höre es, direkt neben meinem Kinderzimmerfenster fährt es mühsam und schwerfällig hoch, höre die Ankündigung. Vorfreude, wenn Mama nach Hause kommt, Trauer über den Verlust des Alleinseins, des Alle-Räume-für-mich-Habens, der Stunden, in denen alles gemacht werden kann was ich will. Ich lasse alles liegen wo ich will. Ich esse was ich will. Ich höre Musik so laut ich will. Ich chatte so lange ich will. Womit das Geräusch auch noch zu tun hat: mit den Geheimnissen meiner Eltern. Ich geh noch was erledigen. In all den Jahren habe ich mir so viele Dinge ausgemalt, was meine Eltern wohl machen, wenn sie was erledigen. Wenn ich im Auto sitze und gefühlte Stunden auf sie warte, oder das Garagentor sein Ruckelgeräusch macht, das Auto wegfährt und kurz darauf wiederkommt.

Ich kenne euch nicht, aber ihr schaut mich an. Und was ist mit dir passiert, Martha? Wo bist du abgeblieben? Wenn ich Fragen nach dir stelle, fallen Wörter wie Bomben: Normandie. Kriegsgefangenschaft. Amerika. Aber das bist nicht du. Das sind dein Bruder und deine Neffen. Deine Geschichte ist mit dir untergegangen. Versunken, wie die Balken deines Hauses. Aber das war nie dein Haus. Und du hattest auch nie ein Zimmer für dich allein. Den Raum musstest du dir teilen mit den Bienen und Hühnern und Kühen und Schweinen und Puten und Gänsen. Für die war Platz. Aber für dich nicht.

Und während du die Eichen, die den Weg zum Haus säumen, noch umarmen konntest, kann ich das jetzt nicht mehr, dafür braucht man jetzt zwei Personen. Und genau so wie sie dir entwachsen sind, seid auch ihr dem Haus entwachsen. Habt euch nacheinander in Luft aufgelöst und jetzt stehe ich da, wo ihr vor hundert Jahren in Sonntagskleidung gesessen und in die Kamera geblickt habt. Ich stehe hier alleine und schaue in die Wipfel der Bäume, die du noch nicht gekannt hast und sehe nachts dort die roten Punkte der Windräder blinken, wo für dich nur flimmernde Dunkelheit war.


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