Ausschnitt eines Arbeitstisches aus einer Schreibwerkstatt
© Donka Dimova

SoSe 2023 – „Reisen und Schreiben“ – mit Leyla Bektaş

In diesem Seminar haben wir die vier Wände des Seminarraums so oft wie möglich verlassen. Wir sind stattdessen in Bremen spazieren gegangen, um danach darüber zu schreiben. Ausgehend von Lucius Burckhardt haben wir uns dabei nicht so sehr für ausgetretene Pfade (der Innenstadt) interessiert, sondern mehr für abseitige Orte oder Randgebiete. Die Spaziergänge waren zum Teil geführte Rundgänge, zum Teil durch die Studierenden selbst ausgewählte und „angeleitete“ Dérives (im Sinne der Situationisten). Sie führten uns auf Friedhöfe, in Parzellengebiete, ins Lindenhofviertel nach Gröpelingen, an den Krimpelsee und in den Bürgerpark. Entstanden ist eine große Bandbreite an Textsorten, von lyrischen Texten bis hin zu assoziativer Prosa.

regenwurm

ich hab mich schon immer gefragt, wie es ist, neben einem friedhof zu wohnen kannst du in der stille ruhen oder zerdrückt sie dich? traust du dir bei vollmond einen spaziergang zu?

träumst du von aufschwemmenden särgen früherer zeiten? ich sehe die leeren fenster und halbbunten balkone und bekomme keine antwort.

wir weichen wieder ergrünten gräbern aus, als ob es da noch irgendetwas gibt, was man nicht mit füßen treten dürfte. überall kleine eichen, höchstens aus dem letzten jahr, werden schon das nächste jahr nicht erleben.

frage die blutbuche, wie viele der 60 000 bestattungen hast du schon mit angesehen? leid und tränen fließen, parolen und symbole wechseln gesehen? die leisen und die lauten tage, antwortet sie.

napoleon, franco, mussolini, große namen zwischen kleinen tafeln auf sprödem stein, kaum lesbar, bröckeln schon. und neben all dem marmor, granit, kalkstein lädt der efeu ein, dass ich mich hinlege

ich will, dass er mich eindeckt, will mich betten auf laub und pilzen und moos und gras und verschwinden, ohne spuren zu hinterlassen kann nur daran denken, dass ich weich, immer weicher werden will. zähne nägel muskeln sehnen knochen haut

werden langsam zu weicher erde. werde von mir selbst zersetzt und sinke immer tiefer ein und humus ersetzt blut und wasser und atemzüge. spüre über mir die gräser wanken. moleküle zu molekülen und dann bist du nicht mehr du, sondern wir. der regen auf deinen blättern und sonnenstrahlen auf frischgrünen astgabeln, das spüre ich dann auch.

aber wir gehen weiter.

auf wieviel schichten leid und trauer kann man laufen, bevor man im morast versackt? wie viele ebenen können sich überlappen, wie viele geschichten kann ein ort in sich tragen, bevor er kollabiert, bevor er sich zurückholt, was du dir geborgt hast?

egal wie laut es ist, alles um dich herum. im ende sind wir alle still. in diesem stummen nachhall, spielt es dann eine rolle, neben wem du liegst? héloise, was meinst du? wir werden vom selben regenwurm durchschlängelt, antwortet sie.

lauschen und seen

der see ist still,
er schweigt im schatten der stadt.
ich tauche ein.
mit geschlossenen augen.
lausche dem rauschen ferner vögel
aus metall.
die lauter sind als zartes zirpen
am boden.
verwoben:
rascheln und rauschen.
je ferner die vögel,
desto lauter das gras.

fische, ungesehen fast. 
heimliches tapsen der hasen
in sanftem grün.
das sich öffnet,
den blick aufs wasser offenbart,
bewacht von nichts als
mahnmälern:
mülleimer – stickerbedeckt, grün.
ich tauche auf.
mit geschlossenen ohren.
wir schweigen im schatten der stadt,
der see ist still.

Wer die Gießkannen abstellt

Eine sanierte, östliche Friedhofsmauer, der Putz
auf der einen Seite noch frisch, auf der anderen
wie jede andere Mauer.

Stunden der Arbeit. Die Verwaltung. Gelder.

Eine graue Schubkarre, in Größe und Form
einem Beiboot nicht unähnlich.

Die hunderten Kilometer auf der dreihundert
Meter langen Anlage.

Hinweisschilder mit roten Kreuzen.

Hunde, Räder oder Rollschuhe, denn die sind
verboten.

Ein Mann mit Rad.

Dass es ihm egal ist.

Etiketten auf Grabkerzen im Penny-roten
Design.

Wer sie gekauft hat.

Willkürlich platzierte Gießkannen.

Wer sie dort abgestellt hat.

So viele Gießkannen.

Warum sich Gießkannen nicht geteilt werden.

Rechen, Spaten und Krimskrams hinter den
Grabsteinen.

Aufopferung.

Lichterketten auf dem Kranz eines jungen
Grabes. Eine Menge Klebeband, durchsichtig, aber sichtbar.

Das Leuchten bei städtischer Nacht,
wie eingefrorene Glühwürmchen.

Die Dicke eines Baumes.

Zeit.

Das kollektive Zögern beim Betreten der Rasenanlagen.

Warum wir zögern.

Die grauen Wolken, der Tanz der Äste, das verkrampfte
Verschränken von Armen und Hochziehen
von Schultern unter dünnen Jacken.

Die Kälte eines Maimorgens.

Niedrig fliegende Kleinflugzeuge, fünf an der Zahl.

Das Gefühl des Fliegens, fünf mal.

Sonnenstrahlen zwischen den Wolken.

Die Wärme, die sie bringen.

Vogelkot auf einem Hinweisschild über das
„Unsagbare Leid“ im Zuge der Verfolgung von
Sinti und Roma unter den langen Armen
der Nationalsozialisten.

Der Vogel.

Aus dem Grabstein herausgebrochene
Familienbilder.

Die Gesichter der Toten. Die Gesichter
der Törichten.

Eine abgenommene Cappi. Ein Kuss auf die
Hand. Die Hand am Grabstein.

Die Liebe eines Vaters.

Sein Blick, der mich trifft.

Mein Gefühl, etwas gesehen zu haben,
das nicht für mich bestimmt war.

Geschnittene Blumen auf den Gräbern.

Der Prozess der Auseinandersetzung,
Sterbendes für die Toten.

Was bleibt, ist ein verwelkter Strauß für
die Lebenden.

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