Literarischer Kulturaustausch 2025 – mit Angelika Sinn
"Traditionen. Rituale"
2025 haben sich die Teilnehmenden mit neuen und alten Traditionen und Ritualen in ihren Heimatländern, im Familien- und Freundeskreis beschäftigt. Sie erinnerten sich an bekannte und beinahe vergessene Gerüche, den Geschmack und die Farbe traditioneller Speisen und Getränke, brachten Schmuck, Kleidungsstücke und andere bedeutungsvolle Gegenstände mit, um sie in der Runde vorzustellen, darüber zu erzählen und natürlich auch zu schreiben. Hier eine Auswahl der entstandenen Texte.
Infos zur aktuellen Schreibwerkstatt und Anmeldung hier
Vielstimmige Kultur
Meine Kultur ist wie ein stiller Fels, der auf einer Bergspitze ruht
wie eine lächelnde Träne
ein halb vergessenes Gesicht
Meine Kultur ist in der Entwicklung
ist etwas, was nur die anderen bemerken
Meine Kultur erhebt sich bis zu den Bergen der Anden Cordillera in der Poesie
ist ewig, mit der Entstehung des Universums geschrieben
Meine Kultur hat ein ernstes, makelloses Gesicht, gefühlt wie Eisensteine
ist wie ein Blick in den Spiegel
Hava – Diana – Babul – Brigitte – Kyrill – Rosa – Fasla – Sara – Lena
Jeweils auf die Frage: Wie würdest du deine Kultur in einem Satz beschreiben, der mit „Meine Kultur ist... beginnt?
Im Garten
Die verzweigten Pfade im Garten. Zweige, die das Gewicht der Früchte tragen. Die schwarz- rote, süßliche Farbe der Kirschen. Die Wege verästeln sich, und du spielst in diesem halb gefundenen, halb erfundenen Labyrinth. Du bist noch ein Kind, und es liegt in deiner Macht, ein Labyrinth zu erschaffen.
Unmengen von Kirschen in der Küche. Der Teig ist zäh und die Kirschen sind blutig rot.
Brot und Salz
Die Geschichte von Brot und Salz trägt in der Kultur des Nahen Ostens eine kraftvolle Symbolik der Freundschaft, Gastfreundschaft und Treue. Das gemeinsame Essen von Brot und Salz gilt als unausgesprochenes Bündnis, das auf Respekt und Loyalität beruht. Daher sind Brot und Salz tief verwurzelte Symbole, die die Menschen in diesen Gesellschaften miteinander verbinden.
Eine Erzählung berichtet von einem Reisenden, der an einem Dorf vorbeikam und hungrig war. Er wandte sich an einen Dorfbewohner und fragte ihn, ob er etwas zu essen für ihn habe. Der Mann hieß ihn herzlich willkommen, lud ihn in sein Haus ein und bot ihm an, was er für eine Mahlzeit zur Verfügung hatte, darunter Brot und Salz.
Der Reisende zögerte zunächst und betrachtete das Essen unschlüssig.
Der Gastgeber erkannte die Unsicherheit des Mannes und sagte: „Wer unsere Brot und Salz isst, schließt mit uns ein unausgesprochenes Bündnis aus Respekt und Loyalität, denn die Gaben Gottes sind heilig und müssen bewahrt werden."
Seit jenem Tag ist das Sprichwort „Zwischen uns gibt es Brot und Salz" Sinnbild für die tiefen Bande, die durch Großzügigkeit und Gastfreundschaft entstehen.
Schließlich erzählte der Reisende seinem Gastgeber von sich, seiner Familie und seiner Herkunft und dankte ihm für seine Gastfreundschaft.
Die Vogelinsel
Der Aschenbecher ist eine Geschenk
Von meinen Freunden von der Vogelinsel
Eine Perle ist darauf zu sehen
Gegen den bösen Blick
Gemalt mit bittereren Augentropfen
Der Aschenbecher steht im Bücherregal
Neben einem schwarzen Teeglas
Im hellen und gemütlichen Wohnzimmer
Er leuchtet wie ein Falkenauge
Erzählt von Ehre und Menschenwürde
Von Frieden und Respekt
Grüßt von der Vogelinsel
Jeder Erinnerung bleibt und lebt - doch
Von der Vogelinsel habe ich keine Fische mitgebracht
Der Schmuckkasten
Meine Mutter sagte im Alter: „ Mein Schmuckkasten ist überfüllt mit Erinnerungen, die ich nicht mehr trage.“
Jedes ihrer Schmuckstücke war mit einem Erlebnis oder einer Geschichte verbunden.
Ich mochte den Schmuck ihrer Jugend sehr gern, einen Flamingo und eine Eidechse, vergoldet und mit glänzenden Steinen versehen, Fantasie-Schmuck, unterwegs gekauft, als Erinnerung an eine Reise und um elegante Akzente zu den Kleidern zu setzen.
Die Ketten gehörten einer anderen Gattung an, sie waren aus Naturmaterialien, Halsketten oder Armbänder, mit Perlen alle Art geflochten, aus Steinen, Muscheln oder Holz.
Das waren Geschenke von Freundinnen oder Verwandten, gesammelt im Schmuckkasten.
Die Ringe und Ohrringe gehörten zur höchsten Kategorie, sie waren aus Edelmetallen, aus Gold, Silber oder Platin, mit Rubinen, Saphiren oder Diamanten besetzt.
Dafür hatte man lange gearbeitet und gespart, sie waren für die Ewigkeit und als Erbe gedacht,
als Erbe für die Tochter, die sie weitergeben sollte an ihre Tochter.
Ich bekam einige dieser Schmuckstücke und trage sie, als lebendige Erinnerung an den Schmuckkasten meiner Mutter.
Unterschiedliche Arten sich zu kleiden
Gestern saß ich am Ufer eines Flusses
Tausend Kilometer hinter einem neuen Horizont
Die Sonne schien ihr Gesicht zu verdecken
Aus politischen Gründen
Es regnete
Ich trug einen Lungi
Meine Kleidung unterschied sich von der der anderen
Mit unterschiedlich getragenen Gedanken saß ich da
Auch mit unterschiedlich getragenen Erinnerungen
Ich tauchte meinen Finger in den Fluss
Ins fließende Wasser
Der Wind war sehr müde
Es waren Gerüche um mich herum, die mich ablenkten
Ablenkten von dem
Was ich dir heute Abend eigentlich erzählen wollte
Ich wollte von meinem neuen Lungi erzählen
Von einem betrunkenen Licht
Von einer Laterne, die ab und zu in der Ferne aufflackert
Und davon, dass es auch vorgestern laut geregnet hat
*Der Lungi ist ein Wickelrock, der traditionell von Männern in Südostasien getragen wird
Chepalgash
Wenn du morgens wieder in dieser Welt ankommst, durch das offene Fenster den blauen Himmel siehst und der Duft von geschmolzener Butter und leicht verbranntem Mehl in der Luft liegt, denkst du sofort: Aha! Mama hat Chepalgash gemacht. Du spürst die warme Morgenbegrüßung, die dich einhüllt, als ob jemand dir ein herzliches Willkommen schenkt.
In der Küche erwartet dich bereits ein Stapel dieser einzigartig duftenden Brote, dünne Fladen, mit geschmolzenem Käse gefüllt, von reichlich Butter umflossen. Sie zergehen im Mund und schenken dir das Gefühl, dass du etwas Besonderes auf der Welt bist.
Dieser Eindruck bleibt nicht nur dir vorbehalten, sondern auch jedem, der das Mahl teilen darf, sei es ein zufällig hereingeschneite Nachbar, ein Besucher oder auch ein Angestellter. Damit werden persönliche Grenzen überschritten, und jeder, der dieses Haus betritt, soll sich als Teil der Familie fühlen, als würde er an etwas Größerem, etwas Vertrautem und Geborgenem teilhaben.
*Chepalgash ist ein traditionelles Gericht aus der tschetschenischen Küche