SoSe 2026 – „Mehr Utopie, bitte!“ – mit Janika Rehak
Im Seminar „Mehr Utopie, bitte!“ (Sommersemester 2026) beschäftigten sich die Studierenden gemeinsam mit Dozentin und Autorin Janika Rehak mit dem Thema Klimafiktion. Unter dem Motto „Zwischen Hoffnungsschimmer und Endzeitstimmung“ gingen sie der Frage nach: Muss jedes (fiktive) Klimaszenario zwingend in einer Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes enden? Oder darf das Thema auch mit wilden Ideen, unerwarteter Innovation und Kreativität gedacht werden? Und gibt es vielleicht sogar mitten in der Katastrophe noch winzige Spotlights von Freundschaft, Solidarität und Empathie – füreinander und für die Welt um uns herum?
Die beiden Texte sind Ausschnitte aus den Seminarergebnissen. Zwei Welten, die unabhängig voneinander entstanden sind und in absolutem Kontrast zueinander stehen. In Feinstaub entwirft Mareike Bräuer eine Welt, in der Wasser absolute Mangelware ist und die Bewohnenden mit Staubstürmen der besonderen Art zu kämpfen haben. Wasser spielt auch bei Merle Heiduczeks Setting Stadtkrokodile eine wichtige Rolle, nur gibt es hier viel zu viel davon. In einem vollständig überfluteten Wohngebiet siedeln sich Raubtiere an, die dort eigentlich nicht hin gehören.
Feinstaub
Sie hatte die Haustür gerade hinter sich zugeknallt, da hörte sie schon das altbekannte Quietschen vom Öffnen der Scharniere der Luftschutztür.
„Toni, hast du nicht was vergessen?"
Toni musste es nicht sehen, um zu wissen, dass das Gesicht ihrer Mutter eine hochgezogene Augenbraue zierte.
„Öhm...“, nuschelte Toni und ging im Kopf den Inhalt ihres Rucksacks durch, während sie sich umdrehte. „Meine Hausaufgaben hab ich, die Chipkarte für die Tür, meine Snackration…“
„Und was ist hiermit?“ Vorwurfsvoll hielt ihre Mutter ihre Hand in die Höhe. An ihren Fingern baumelte Tonis hellblaue Oxygenmaske.
„Verdammt!“
Schnell griff Toni danach und band sich die Maske um. In der Eile des Morgens hatte sie gar nicht auseinanderhalten können, ob die Watte in ihren Kopf vom dem viel zu frühen Wecker oder etwas anderen herrührte und hatte den eigenen Sauerstoffmangel noch gar nicht bemerkt.
„Immer das gleiche mit dir“, tadelte ihre Mutter sie und machte dann eine scheuchende Handbewegung. „Und jetzt ab mit dir! Das Shuttle wartet nicht auf Nachzügler!“
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„Shuttle wurden gecancelt, bleibe noch hier, es gibt Pizzarationen!“, schrieb Toni ihrer Mutter über den Messenger am Nachmittag, als sie es sich in einem der Lernräume der Schule bequem machte. Der Sandsturm, der sich schon in den Morgenstunden, kurz nach ihrer Ankunft in der Schule, angekündigt hatte, hatte sich zu einem richtigen Sandorkan entwickelt. Oder, um es genau zu nehmen, zu einem überregionalen Feinstaub-Starkwindereignis der Klasse 3, wie sie es im Geographieunterricht gelernt hatten. Bis zu Stufe 7 konnte sich ein solcher Sandsturm steigern, aber mehr als Stufe 5 hatte Toni selbst noch nicht gesehen.
Obwohl, naja, mit einem Blick aus dem Fenster auf die sich hellgelb auftürmende Staubwand, stellte Toni fest, dass sie auch jetzt schon relativ wenig sah. Eigentlich blieben sie hier eher von solchen Stürmen verschont. Gerade wegen „der reinen Luft“ die man hier zuhause gefiltert sogar ohne eine zusätzliche Oxygenmaske einatmen konnte, war sie mit ihren Eltern damals in die im Norden liegende Stadt des Landes gezogen, um so der Lungenkrankheit ihres Vaters entgegenzuwirken. Weg aus ihrer Heimat, ihrem Geburtsorts, in dem - Toni hatte vor kurzem erst für ein Schulprojekt dafür recherchiert - mittlerweile kein Tag mehr verging, ohne ein Starkwindereignis der Klasse 3-4.
Ab Klasse 3 mussten die Oxygenmasken auch innerhalb der Häuser getragen werden. Obwohl Tonis Schule das wahrscheinlich modernste Filtersystem der ganzen Stadt besaß - bei Ereignissen der Klasse 5-7 stellte das Gebäude einen der drei großen Schutz- und Sammelpunkte dar - saßen auch hier die Schüler und Schülerinnen nun mit ihren Masken „aufgesetzt und aktiviert“ in den Klassenräumen. Die spendierte Pizzaration aus der Kantine schmeckte lasch. Toni löffelte ein bisschen darin herum, aber schob die Schüssel letztendlich von sich weg. Sie begann in ihrer Tasche zu kramen. Bis das erste Shuttle die Erlaubnis zur Wiederaufnahme des Verkehrs bekam, konnte sie auch einfach ihre Hausaufgaben erledigen.
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Erst am späten Abend ließ Toni die Schutztür hinter sich ins Schloss fallen und lehnte sich erschöpft dagegen, während sie sich die Oxygenmaske aus dem Gesicht zerrte und den ersten freien Atemzug des Tages tat. Die Shuttles hatten ihren Betrieb wieder aufgenommen, nachdem der Sturm auf ein Ereignis der Klasse 1-2 heruntergestuft worden war. Auf dem Weg von der Haltestelle zur Haustür hatte Toni dennoch aufpassen müssen, nicht über die Stufen der Treppe zu stolpern, deren Konturen im Nebel des Feinstaubs immer noch verschwommen schienen.
Während sie ihre Jacke zusammen mit der Oxygenmaske an die Garderobe hing, hörte sie ihre Eltern in der Küche lachen. Es roch, als hätte ihre Mutter Raviolirationen aufgewärmt. Tonis Magen begann wie auf Kommando zu knurren. Nach einem letzten Blick zur Garderobe gesellte sich Toni zu den beiden in die Küche. Noch einmal atmete sie tief durch und war sich sicher, dass sie ihre Maske morgen bestimmt nicht wieder vergessen würde.
Mareike Bräuer: Schon als Kind baute Mareike Bräuer am liebsten bunte Welten aus Worten. Durch ihr Studium der Weltliteratur und Transnationaler Literaturwissenschaft hat sie gelernt, wie viel Literatur zu einer hilfsbereiten, vielfältigen und toleranten Gesellschaft beiträgt. Deshalb möchte sie andere mit ihrer Freude an Literatur anstecken und Lust fürs Lesen und Kreative Schreiben wecken.
Stadtkrokodile
“Komm schon, dafür übernehm‘ ich auch deine Wochenendschicht”. Ben faltet die Hände zusammen wie im Gebet und gibt mir seinen Hundeblick und ich weiß schon, dass ich zustimmen werde, noch bevor er fortfährt: “Es gibt für Unwettertage auch ‘nen Bonus, das weißt du?”
Natürlich weiß ich das. Ich weiß es und ich seufze und nehme ihm den Schlüssel aus der Hand, damit ich es mir nicht anders überlege. Wenn ich es irgendwie schaffen möchte, meiner Mutter bis zu ihrem Geburtstag einen neuen Motor für ihr Boot zu besorgen, dann muss ich jeden Bonus mitnehmen, den ich kriegen kann. Sie hockt jetzt schon seit Monaten in ihrer Wohnung und allmählich habe ich das Gefühl, dass sie den Verstand verliert.
“Es ist ein wenig nass draußen”, hat sie letztens zu mir am Telefon gesagt, “Denkst du an den Regenschirm?”, während ich in voller Montur, mit einem Sauerstoffkanister darauf warte, dass das Paketboot zum Leben erwacht.
“Gute Idee”, hab‘ ich zu ihr gesagt und dann aufgelegt, bevor sie mir noch etwas darüber erzählen konnte, dass die Blumen dringend gegossen werden müssen.
Ich trage mir die Überstunden direkt in der Liste am Computer ein und trete dann in den Vorraum, wo das Boot schon auf mich wartet. Es wackelt eifrig im Wasser, als würde es sich auf unseren Ausflug freuen. Ich springe hinein, überprüfe die Päckchen und Pakete und die winzig kleinen Kartons, die kaum groß genug sind für eine einzige Tube Notfallversorgung. „Was ist da überhaupt drin?“, überlege ich, während ich mit dem Boot hinausfahre und augenblicklich von einer Windböe erwischt werde. Ruhig bleiben, gegensteuern, Gewicht verlagern, darauf achten, dass die Pakete in ihrem netten, kleinen Glaskasten nicht zu sehr verrücken, während sich ein Schwall aus brauner Brühe über meine Füße ergießt. Ich bin keine Minute auf dem Wasser und habe jetzt schon nasse Socken.
Gerlinde vom konkurrierenden Paketdienst soll letzte Woche ein Leck in ihrem Boot und in ihrem Schuh gehabt haben, weshalb sie seit mehreren Tagen im Bett liegt. Unfairerweise denke ich kurz: “Die hat’s gut. Die muss nicht mehr nach draußen. Sie hat ihr Leck schon hinter sich und wenigstens ist sie nicht ertrunken.” Man erzählt sich in der Firma, dass es Helmut erwischt hat. So genau bestätigen kann das natürlich niemand, aber es ist schon auffällig, dass ihn seit dem letzten Gewitter niemand mehr draußen im Boot gesehen hat.
Ich fahre die Straße entlang und versuche, den lästigen Laternenmasten auszuweichen, die manchmal nur halbherzig aus dem Wasser ragen und Spaß daran haben, Booten die Bäuche aufzureißen. Niemand weiß so genau, warum zumindest die Stümpfe noch nicht entfernt wurden, die nicht einmal mehr Licht spenden. “Wie Glühwürmchen über dem Wasser”, sagt meine Mutter immer. “Riesige, dreckige Glühwürmchen.”
Mein Boot bleibt an etwas hängen und ich beuge mich über die Reling, um daran zu reißen. Vielleicht ist es etwas Metallenes, vielleicht aber auch Plastik. Was auch immer es ist, ich ziehe einen der Handschuhe über, damit ich mich nicht daran schneide und ins Wasser blute. Es heißt zwar immer, dass man hier keine Angst vor Haien haben muss, aber die Krokodile reichen vollkommen. Eigenartig, denke ich dann, dass es einmal eine Zeit gegeben haben muss, in der es hier keine Krokodile gab. Was haben die Leute denn die ganze Zeit gemacht, während sie draußen waren, wenn es keine Krokodile gab, nach denen man Ausschau halten muss?
Ich fahre weiter und stoße mit der Vorderseite des Boots beinahe gegen die Satellitenschüssel eines der alten Häuser. An dieser Stelle versehe ich mich irgendwie immer um ein paar Zentimeter. Mehr braucht es immerhin auch nicht. Carl hat es vor einem Monat die gesamte Bootsseite aufgerissen, als er bei voller Geschwindigkeit an einer Hauswand vorbeigesegelt ist. Das war teuer, denke ich, und sicherlich gruselig. Andererseits ist Carl die einzige Person, die ich kenne, die die alten Häuser auf Augenhöhe gesehen hat und höchstpersönlich davon berichten kann. Wobei das Ganze anzuzweifeln bleibt: wie viel kann er schon gesehen haben in dieser Suppe? Vielleicht will er sich nur wichtigmachen. Es waren nicht einmal Krokodile in der Nähe, als er untergegangen ist, da musste seine Geschichte wohl um einen Spannungsbogen ergänzt werden.
“Wie Atlantis”, sagt er jetzt immer, während wir in der Zentrale auf die Aufträge warten und er sich gedankenverloren in seinem Stuhl zurücklehnt. Nichts daran ist wie Atlantis. Keine verborgenen Schätze oder Reichtümer, mit denen wir uns das Wasser wegkaufen könnten oder sonst etwas, das nicht schon längst vergessen wurde. Nur Dreck und alte Waschmaschinen und vergammelte Teddybären und Krokodile, warum eigentlich Krokodile, hat da schon mal jemand drüber nachgedacht?
“Hey, Gruppe auf drei Uhr”, plärrt es aus dem Funkgerät, das ich mit mindestens drei Schichten Folie vor dem Wasser zu beschützen versuche und das trotzdem so doll rauscht, dass ich Schwierigkeiten habe, das Gesagte zu verstehen. Es hat schon etwa drei Wasserschäden und zwei Tauchgänge hinter sich, aber hält sich wacker am Leben fest und das ist letztendlich alles, was zählt.
Ich halte mit dem Fernglas Ausschau nach der Ansammlung aus schuppigen Leibern zwischen dem dreckigen Wasser, was geradezu unmöglich ist, während der Wind mir Regen gegen die Schutzbrille schlägt. Ich antworte in das Funkgerät, dass ich einen Umweg nehme, da kracht es verzerrt aus dem Hörer: “Express-Lieferung. Auf keinen Fall nimmst du einen Umweg, willst du uns die Kundschaft vergraulen? Beiß dich durch, ist doch nicht so weit. Denk an den Bonus!”
Es fühlt sich an wie eine leichtsinnige Mutprobe, aber da ist dieser Bonus und wenn ich ein Bein verliere, habe ich zumindest einen neuen Motor für meine Mutter gewonnen. Ich fahre langsam darauf zu, entschleunige, warte ab, bis mich das Funkgerät erneut anschockt, kaum verständlich mit welcher Begründung, aber irgendwie glaube ich, den Bonus wieder rauszuhören. Also steuere ich auf die Biester zu, die träge die Straße entlangschwimmen und dann zu mir aufsehen. Es ist wie mit dem Monster unter dem Bett. Solange die Beine unter der Decke bleiben, ist alles gut. Aber das ist eine Illusion, die meinem Vorgänger einen Arm gekostet hat. Wenigstens kein Bein, denke ich.
Als ich an ihnen vorbeifahre sehen sie zu mir auf und ich versuche, den Blickkontakt zu meiden, aber das ist schwierig, wenn sie ihn mir aufzuzwingen versuchen und an mein Boot heranschwimmen, nur die bösartigen kleinen Augen und ihre Nasenlöcher sichtbar. Dann sind sie fast bei mir und ich beschleunige, aber eines von ihnen hat sich von mir unbemerkt in dem Glaskasten verbissen und ich fluche, obwohl man sie dadurch nur provoziert, denn ohne nachzugucken weiß ich, dass irgendjemand sich schon wieder ein Kotelett bestellt hat. Nicht provozieren, denke ich dann, einfach weitermachen, nicht das Paket verlieren. Die Zähne des Krokodils malträtieren den Glaskasten weiter, ohne zu wissen, dass er das Stabilste an dem ganzen Boot ist und mittlerweile ziehe ich das Biest hinter mir her durch das Wasser und wir rasen über die Straße oder das, was noch davon übrig ist, das Krokodil und ich.
Es wäre viel zu einfach, dem Krokodil das Paket zu überlassen. Aber der Bonus. Der verdammte Bonus.
Ich fahre zickzack und wende und tue alles außer das Boot zu kentern, damit es endlich loslässt und es geschieht ein Wunder, denn obwohl das Krokodil sich noch immer fest in dem Kasten verbissen hat, lässt es nach einer weiteren scharfen Kurve resigniert los. Das Boot muss ja ohnehin wieder zurück, denkt es sich bestimmt, dann bekommt es noch eine Chance.
Ich fahre weiter, holpere über Häuserkanten und bremse vor Masten ab und erreiche endlich das erste Haus auf meiner Liste. Ich klingele und eine ältere Frau öffnet mir die Tür, gekleidet in einen flauschigen Pyjama mit einer Tasse in der Hand, aus der Dampf aufsteigt. Ihre Freude ist kaum nachvollziehbar, aber überschwänglich. In einem Boot vor ihrer Tür hockt eine durchtränkte Gestalt, die ihr ein Paket entgegenreicht.
Es ist kleiner als ein Schuhkarton oder ein Buch oder ein Notfallversorgungspäckchen.
“Ach mein Tag ist gerettet”, sagt sie mit einem tiefen, wehmütigen Seufzen und zieht aus dem Päckchen einen einzelnen Teebeutel hervor, den sie genüsslich in ihre Tasse tunkt.
Kontext für Veröffentlichung
Nachdem die Erde in Folge der Klimakrise extrem erhitzt wurde, kommt es neben besonders hohen Temperaturen auch zu starken Regenfällen und Überschwemmungen. Eine Stadt im Norden Deutschlands, nicht unweit der Küste, wird von den Wassermassen überflutet. Es entsteht eine neue Stadt, deren Häuser auf Metallinseln gebaut werden und in der die Fortbewegung von Haus zu Haus nur noch mit Booten möglich ist. Allerdings birgt jede Fahrt auch ein Risiko: durch die Erwärmung haben sich neue Raubtiere in der Stadt ausgebreitet und lauern im Wasser.
Merle Heiduczek studiert Transnationale Literaturwissenschaft an der Universität Bremen und nahm im Laufe des Studiums an diversen praktischen Seminaren teil. Im Kurzgeschichtenband TraumZeitRisse der Universität Bremen wurde Heiduczeks Kurzgeschichte Risse veröffentlicht. Weitere Kurzgeschichten sind in verschiedenen Anthologien erschienen.